Über Arequipa und die peruanische Pazifikküste nach Lima

Über Arequipa und die peruanische Pazifikküste nach Lima

Von Iquique aus wollen wir entlang der Pazifikküste nach Norden weiter Reisen. Unser Ziel ist erstmal Kolumbien. Durch Peru und Ecuador fahren wir mehr oder weniger nur durch um dann später, in der Trockenzeit wieder zurück in die Berge zu fahren. Ab April ist es dann in den hohen Bergen wieder deutlich trockener und vor allem für unsere geplanten Mehrtagestouren deutlich besser geeignet.

Am Strand von Pisagua

Von Iquique wollen wir zunächst noch für zwei Nächte an den Strand von Pisagua. Der wurde uns von mehreren Gleitschirmfliegern empfohlen, weil man da am Abend auch sehr schön fliegen kann und er außerdem auch landschaftlich sehr schön ist. So fahren wir also wieder zurück nach Osten zur Panamericana und dann etwa 100 km nach Norden bevor es wieder runter zur Küste nach Pisagua geht.

Der Hafen von Pisagua war früher ein bedeutender Salpeterhafen und gehörte vor den Salpeterkriegen noch zu Peru. Während der Salpeterkriege wurde dieser Teil der Atacamawüste dann von Chile erobert und ist heute auch noch chilenisch. Während der Zeit der Militärdiktatur von Pinochet gab es am Strand von Pisagua ein Konzentrationslager in dem viele der politischen Gegner Pinochets gefangen gehalten und zum Teil getötet wurden. Heute ist Pisagua nur noch ein kleines Fischerdörfchen mit ungefähr dreihundert Einwohnern.

Wir steuern die nächste Bucht im Norden des Dörfchens an wo wir fliegen wollen. Viele Flieger die in Iquique sind kommen hier für ein oder zwei Nächte her um zu fliegen und am Strand zu grillen und zu übernachten. Als wir ankommen ist es leider deutlich zu windig zum Fliegen und das ändert sich auch bis zum Sonnenuntergang nicht. Am nächsten Tag ist dann wiederum viel zu wenig Wind zum Fliegen. Schade. Aber die Bucht ist auch so sehr schön und wir laufen mehrmals runter zum Strand wo wir viele Seevögel und weiter draußen auch viele Seehunde beobachten die sich gemeinsam einige Fische einverleiben. Am zweiten Tag sind sogar zwei Wale in der Bucht die immer wieder ihre Rückenflosse zeigen und ab und an auch mit dem Kopf etwas aus dem Wasser kommen. Der Ausflug hat sich also auch ohne Fliegen absolut gelohnt.

Weihnachten in Arequipa

Von Pisagua fahren wir dann in zwei Tagen nach Arequipa. Unterwegs treffen wir am Strand noch Adolfo, der uns zu einem Kaffee in sein Ferienhaus einlädt. Er und seine Frau sind aus Arequipa für Weihnachten ans Meer gefahren und wir unterhalten uns sehr gut, müssen dann aber leider auch bald weiter um noch bis in die Stadt zu kommen. Zum Abschied bekommen wir jeder von ihm noch ein T-Shirt seiner Fima Petronas.

Einen Tag vor Heiligabend erreichen wir dann die Stadt und treffen dort Veronique, Markus und Moritz wieder. Wir stehen auf der Straße vor dem Haus in dem die drei über Weihnachten eine Ferienwohnung gemietet haben. Die Feiertage verbringen wir zum größten Teil in der Wohnung mit gutem Essen und Trinken und genießen die gemeinsame Zeit. So richtig Weihnachtlich will es bei sommerlichen Temperaturen draußen auch hier nicht werden, aber das macht nichts. Es ist schon das zweite Weihnachten für uns auf der Reise und es ist eben einfach ganz anders als daheim.

Nach den Feiertagen ziehen wir gemeinsam mit Markus und Veronique und ihrem Kolibri auf einen kleinen Campingplatz in der Stadt um und Moritz geht in ein Hostel. Er hat sein Auto in Chile gelassen und will von hier aus weiter in das Amazonasgebiet von Peru reisen um dort für eine Weile mit einer kleinen Community im Urwald zu leben. So möchte er einen Eindruck davon bekommen, wie die Einheimischen dort sehr viel einfacher und naturverbundener leben als wir das kennen und wie es sich anfühlt. Aber erstmal sind wir alle fünf noch ein paar Tage hier und machen nach Weihnachten gemeinsam einen Kochkurs in der Stadt. Das kochen ist super und wir lernen einiges über die sehr leckere peruanische Küche. Aber essen können wir nicht alles was wir da gekocht haben. Es ist sogar mir zu viel und so haben wir auch am nächsten Tag noch was davon.

Danach reisen Markus und Veronique schon mal weiter nach Süden. Sie wollen ihren Kolibri wieder nach Santiago bringen und dort verkaufen um dann als Backpacker noch nach Kolumbien und Ecuador zu reisen. Die Reise in dem alten VW-Bus war zwar sehr schön, aber schnell vorankommen tut man mit dem Fahrzeug nicht und so wollen sie damit nicht zu weit nach Norden. Wir verabschieden uns also nach einer sehr schönen gemeinsamen Woche von den beiden und sehen sie dann hoffentlich irgendwo in Kolumbien wieder.

Mit Moritz nehmen wir dann noch an einer Free Walking Tour durch die Stadt Teil. Die Tour ist zunächst kostenlos und am Ende gibt jeder, was es ihm Wert war. Der Vorteil gegenüber im Voraus gezahlten und gebuchten Touren ist, dass man eben nur dann auch viel zahlt, wenn auch wirklich gut war. Und die Führer strengen sich dementsprechend an, eine sehr gute Tour zu machen. Unser Guide ist dann auch sehr engagiert und erzählt begeistert und mit vollem Körpereinsatz von seiner Stadt, die ihn offensichtlich auch heute noch sehr begeistert.

Und Arequipa ist wirklich eine sehr schöne Stadt. Man sieht Einflüsse von spanischer, englischer und französischer Architektur. Alles dicht nebeneinander. Und die Gebäude sind fast alle aus dem hier üblichen Sillar, einer Art Tuffstein gebaut. Viele der historischen Altbauten sind aber leider leer und verfallen. Die Regierung hat dafür gesorgt, dass die Gebäude der „Besatzer“ also der Europäer, kaum zahlbar sind und dadurch, dass die Stadt auch Teil des Unesco Weltkulturerbes ist sind die Auflagen für Restaurationen auch sehr streng und so stehen viele Gebäude leer oder haben nur im Erdgeschoss ein paar Läden und der Rest verfällt nach und nach.

In der Altstadt besuchen wir dann noch das Kloster Santa Cataliina. Früher von der Außenwelt komplett abgeschirmt, ist das Kloster seit den 1970er Jahren für Besucher zugänglich und der historische Teil ist heute nur noch als Museum genutzt. Das Kloster ist eine Art kleiner Stadt in der Stadt und hauptsächlich in schönen rot und Blautönen gestrichen. Wir spazieren lange durch die verwinkelten Gassen der alten Gebäude und sehen, wie die Nonnen hier früher gelebt haben. Teils sehr spartanisch, teils sehr luxuriös. Je nachdem, welchen finanziellen und geistigen Hintergrund die Nonnen hatten.

Bevor wir dann von Arequipa aus über Silvester in Richtung des Colca Canyons fahren machen wir noch einen kurzen Abstecher zur sehr touristischen Routa Sillar. Hier wurde früher der Stein abgebaut aus dem die meisten Gebäude der Stadt sind. Heute ist das Ganze eine Art touristischer Steinbruch in dem mehrere Steinbildhauer alle möglichen Figuren aus dem weichen Stein geschlagen haben. Ganz interessant, aber eher Kitsch als Kunst. Danach geht’s aus der Stadt raus in die Berge.

Silvester im Colca Canyon

Der Colcacanyon ist der zweittiefste Canyon der Welt. An seiner engsten Stelle geht es von der Kante über 1.300 m runter bis zum Rio Colca. Landschaftlich spannender sind allerdings die Bereiche wo der Canyon flacher und breiter ist. Da sind viele terrassenförmig angelegte Flächen die landwirtschaftlich genutzt werden. Und vor allem ist der Canyon bekannt dafür, dass hier einige Kondore leben, die morgens an den Flanken des Canyons nach Thermik suchen und dann oft nah am Rand des Canyons fliegen wo man sie von oben oder von der Seite schön sehen kann.

Auf dem Weg von Arequipa in den Canyon müssen wir erstmal wieder weit hoch. Es muss ein Pass mit einer Höhe von 4.800 m überwunden werden um dann wieder auf fast 3.000 m runter zu fahren. Wir fahren von Arequipa aus erstmal bis auf etwa 4.000 m rauf und übernachten auf dem Parkplatz eines Restaurants. Am nächsten Morgen geht es über den Pass von dem aus man einige 5.000er uns 6.000er der Umgebung sehen kann. Und dann geht’s wieder runter. Pedro hat wieder ganz schön mit der Höhe zu kämpfen und auch wir spüren den schnellen Aufstieg. Nach einem Monat auf Meereshöhe ist die Akklimatisation von Bolivien leider wieder völlig verschwunden.

Wir fahren erstmal nach Chivay am Beginn des Canyons. Hier müssen wir Tickets kaufen um den Canyon überhaupt betreten bzw. befahren zu dürfen. Dabei bekommen wir von der Dame im Ticketbüro noch viele Infos zu den Möglichkeiten im Canyon. Dann geht’s nach Norden immer weiter in den Canyon rein.

Bei Chacapi fahren wir zu den Banos Termales die sehr schön in den Felsen über dem Rio Colca liegen. Aber wir sind beide ziemlich platt von der Höhe und nicht so richtig motiviert für ein heißes Bad. So laufen wir ein bisschen herum und schauen die Gegend an, bevor es weitergeht. Schließlich finden wir einen schönen Aussichtspunkt am Rande des Canyons an dem wohl morgens auch gelegentlich ein paar Kondore vorbeikommen. Es ist Silvester und wir beschließen hier das neue Jahr zu begrüßen. Zum Silvesteressen kochen wir nochmal eines der Gerichte, die wir im Kochkurs in Arequipa gemacht haben. Ocopa Arequipena. Eine leckere Sauce aus gelben Chili zu Kartoffeln. Das Gericht gelingt uns auch ziemlich gut. Nur das flambieren machen wir lieber etwas zurückhaltender um Pedro nicht gleich ganz abzubrennen. Danach spielen wir ein paar Runden Qwirkle und um kurz nach zwölf geht’s nach dem Feuerwerk im Tal ins Bett. So war er Silvesterabend ziemlich unspektakulär aber schön ruhig. Und wir beenden das erste vollständige Jahr auf Reisen. Inzwischen sind wir schon wieder seit 13 Monaten unterwegs und das Ende der Reise ist hoffentlich noch eine Weile hin.

Am Morgen kommen tatsächlich ein paar Kondore vorbeigeflogen, aber wir beschließen noch ein paar Kilometer weiter zum Mirador Condor zu fahren, wo die Chancen welche zu sehen wohl noch besser sind. Und das denken sich scheinbar auch die hundert anderen Touristen die gerade beim Aussichtspunkt sind. Aber wir haben Glück, während der Hauptsaison ist wohl noch viel mehr los. Touristen und Verkäufer mit allem möglichen Zeug gibt es reichlich, die Kondore wollen aber irgendwie nicht kommen. Da es Delphine auf Grund der Höhe nicht so gut geht, beschließen wir einfach hier zu bleiben und den Tag ruhig angehen zu lassen. Am nächsten Morgen können wir dann nochmal nach Kondoren Ausschau halten.

Am nächsten Morgen gehen wir also wieder zum Aussichtspunkt und warten. Wir sehen alle möglichen schönen Vögel. Unter anderem auch den Colibri Gigante, den Rieesnkolibri, aber Kondore kommen zunächst keine. Bis dann irgendwann ein schöner schwarzweißer Kondor unter unserem Standplatz durchfliegt. Er dreht um und kommt nochmal vorbei bevor er wieder wegfliegt. In den folgenden zwei Stunden kommen dann immer wieder mal welche vorbei und wir staunen über die Eleganz mit der diese Riesenvögel kurz vor uns vorbeifliegen. Die erwachsenen, schwarzweißen Vögel können bis zu fünfzehn Kilo schwer werden und erreichen dabei eine Spannweite von teils über drei Metern. Aber auch die jungen, braunen Kondore sind schon beeindruckend groß. Erst im Alter von sechs bis acht Jahren verfärben sich die braunen Jungvögel und bekommen ihr schwarzweißes Aussehen. Die erwachsenen Männer bekommen außerdem eine Art Kamm auf dem Kopf.

Gegen Mittag ist wieder Schluss mit dem Schauspiel. Die Kondore sind alle weiter oben in den Bergen und werden erst Morgen wieder hier vorbeikommen und wir wollen langsam auch weiter. Wir fahren noch ein Stück weiter nach Norden und überlegen ob wir von da direkt wieder runter zum Pazifik fahren sollen, aber nach etwas ausführlicheren Recherchen beschließen wir doch lieber wieder über Arequipa ans Meer zu fahren. Die andere Straße scheint nicht besonders gut zu sein und die Abkürzung müssten wir wahrscheinlich mit extrem schlechten Straßen auf über 100 Kilometer bezahlen.

Nach einem kurzen Abstecher ins Dorf Cabanaconde geht es dann also wieder die gleiche Strecke zurück nach Arequipa die wir bereits kennen. Allerdings wird es diesmal noch anstrengender für Pedro in die Höhe zu fahren. Kurz nach Chivay fahren wir nur noch im sehr dichten Nebel mit wenig Sicht. Weiter oben fängt der Motor von Pedro ziemlich zu stottern an. Die Kombination der dünnen Höhenluft mit der extremen Luftfeuchtigkeit ist wohl nicht so zuträglich für den Motor. Aber er zieht uns schön gemütlich rauf auf den Pass mit 4.800 m und drüben rollen wir dann in der Dunkelheit wieder zum Parkplatz des Restaurants bei dem wir schon vor drei Tagen übernachtet haben.

Und dann geht’s wieder runter nach Arequipa und nach ein paar Umwegen durch die Stadt raus und runter ans Meer. Hier folgen wir immer der Panamericana bis Nazca. Die Straße führt teilweise recht spektakulär am Meer entlang, oft aber auch durch die Wüste im Hinterland. Wir fahren knapp drei Tage in Richtung Norden, übernachten etwas abseits in einer sehr schönen, aber leider auch vermüllten Bucht und sehen einmal eine Gruppe Delfine im Pazifik schwimmen die auch immer mal wieder rausspringen. Dann führt die Straße wieder etwas ins Landesinnere und wir kommen nach Nazca.

Die Nazcalinien

Das kleine Städtchen Nazca ist vor allem durch die nach ihm benannten Nazcalinien bekannt. Diese Linien sind bereits vor der Incazeit von den damals hier lebenden Paracas- und Nazcastämmen etwa zwischen den Jahren 600 v.Chr. bis 800 n.Chr. angelegt worden. Dabei handelt es sich um einige hundert Figuren die teils mehrere Hundert Meter groß sind. Dazu gibt es unzählige schnurgerade Linien und Trapeze die sich über bis zu 20 km Länge durch die Wüste ziehen. Wie und wozu die Linien und Figuren angelegt wurden ist nicht sicher geklärt.

Wiederentdeckt wurden die Linien als in den 1920er Jahren die ersten Verkehrsflugzeuge regelmäßig über die Nazcawüste flogen. Wissenschaftlich wurden sie danach immer wieder von verschiedenen Forschern untersucht. Richtig systematisch freigelegt und untersucht hat einen Großteil der Linien dann aber erst die deutsche Mathematikerin und Physikerin Maria Reiche. Sie begann im Jahr 1946 – davor durfte sie wegen dem zweiten Weltkrieg nicht in Nazca arbeiten –  mit ihren Untersuchungen und hat diese den Rest ihres Lebens soweit es ihr möglich war fortgeführt. Dabei ist sie zunächst einfach mit einem Besen in die Wüste gegangen um die Linien nach und nach systematisch von Sand und Staub zu befreien und genau zu vermessen. Bis zu ihrem Tod im Jahr 1998 hat sie sich intensiv mit den Linien beschäftigt und für deren Schutz eingesetzt. Seit dem Jahr 1994 gehören diese auch zum Unesco Weltkulturerbe.

Heute kann man die Nazcalinien entweder von einem Aussichtsturm an der Panamericana etwa 20 km nördlich von Nazca aus sehen oder man fliegt von Nazca aus mit einem Kleinflugzeug über die Linien. Da man von dem Turm aus nur zwei Figuren sehen kann, haben wir uns schon vorher für die Variante mit dem Flugzeug entschieden. Dabei fliegt man von Nazca aus ca. 35 bis 40 Minuten über die Wüste und kann dabei etwas mehr als 10 der Figuren und unzählige der Trapeze, Spiralen und langen Linien von oben sehen.

Wir entscheiden uns, nach Empfehlung von Martin und Elke mit denen wir in La Paz so lange standen, in der so genannten Nazca Lodge zu übernachten und dort auch die Flüge zu buchen. Die Lodge ist eine grüne Oase mitten in der Wüste. Der Besitzer, Enrique, hat das ganze hier aufgebaut und mit Grundwasser bewässert. Als wir ankommen zeigt er uns auch gleich stolz seinen Garten mit vielen frischen Kräutern und Früchten. Weiter hinten hat er ein Gebäude mit ein paar Gästezimmern und – zur großen Freude von Delphine – einen recht großen Pool. Dazu noch ein kleines Restaurant und eine Bar. Das Ganze ist sehr gut angelegt und sauber gehalten. Seit letztem Jahr bietet er dann auch noch Stellplätze für Camper an. Wir genießen hier also einfach mal zwei Tage Luxus und buchen auch gleich für Morgen einen Flug über die Linien.

Die Buchung über Enrique ist zwar etwas teurer als direkt am Flughafen, dafür bekommen wir aber am nächsten Morgen, bevor es losgeht, noch eine einstündige Einführung von ihm in der er uns über die Geschichte der Umgebung und der Nazcalinien aufklärt. Von seinem begeisterten Vortrag haben wir dann deutlich mehr Infos zu den Linien als wir zum Flughafen fahren. Da müssen wir ein paar Formalitäten erledigen und ein bisschen warten und dann geht es mit vier weiteren Passagieren und zwei Piloten in die Luft.

Wir sitzen in zwei Reihen im Flugzeug. Jeder hat also einen Fensterplatz. Damit jeder auch jede der Figuren sehen kann, werden diese jeweils einmal in einer Rechts- und einmal in einer Linkskurve überflogen. Und die sind ziemlich steil, damit man direkt zur Seite raus nach unten sehen kann. Ich habe im Vorfeld einiges über diverse Unfälle mit den teils schlecht gewarteten Flugzeugen hier gelesen was nicht unbedingt zum erhöhten Sicherheitsgefühl beiträgt, aber in den letzten Jahren sind die Standards wohl deutlich besser geworden, also wird schon alles gut gehen. Wir fliegen vom Flughafen aus direkt nach Norden über die Wüste und dann geht es schon los. Der Copilot sagt uns jeweils was es als nächstes auf welcher Seite zu sehen gibt und dann geht es auch schon in die nächste enge Kurve. Eigentlich ganz witzig, aber mein Magen findet das ständige drehen nicht so toll und ich nehme vorsichtshalber mal die Plastiktüte vor mir in die Hand. Aber nach etwas mehr als dreißig Minuten haben wir das Programm abgeflogen und ich bin nicht allzu traurig, als wir dann wieder auf der Piste am Flughafen aufsetzen und aussteigen können. Es hat sich aber auf jeden Fall gelohnt. Der Blick über die Linien vom Flugzeug aus ist schon deutlich weiter und man kann auch die gesamte Umgebung der Figuren mit ihren Verbindungen sehen. Es war also auf jeden Fall das Geld und den flauen Magen wert.

Den Rest des Tages verbringen wir vor allem am Pool und erholen unsere Mägen von dem Flug. Am nächsten Tag machen wir uns wieder auf den Weg auf die Panamericana und besuchen noch den Aussichtsturm und das Maria Reiche Museum. Der Turm bietet nochmal einen schönen Blick auf zwei der großen Figuren aber es ist nicht vergleichbar mit den Blicken aus dem Flugzeug. Das Museum ist dem ehemaligen Wohnhaus von Maria Reiche und zeigt einige ihrer Werkzeuge und Zeichnungen und den Raum in dem sie lange Zeit gelebt und gearbeitet hat. Leider gibt es zu den Ausstellungsstücken fast keine weiteren Informationen. Danach geht’s weiter zur Oase Huacachina bei Ica.

In den Sanddünen

Die Oase Huacachina westlich von Ica entspricht der Bilderbuchvorstellung einer Oase. Ein kleiner See mit einem netten Dorf und viel Grün außen rum umgeben von schönen hohen Sanddünen. Schaut man etwas genauer hin sieht man auch viel Müll, große Touristenscharen und die sehr nahe Stadt Ica die eine eher hässliche und hektische Wüstenstadt ist. Trotzdem ist es ein interessanter Ort den wir auch näher anschauen wollen.

Als wir auf den Parkplatz des kleinen Hostels fahren wo wir übernachten wollen sehen wir den gelben VW-Bus von Nicole und Pit wieder. Wir hatten zwar losen Kontakt und haben auch auf Instagram immer wieder gesehen, was sie so gemacht habe, aber das wir sie hier treffen hätten wir nicht gedacht. Bereits zum dritten Mal laufen wir uns zufällig auf diesem überschaubaren Kontinent über den Weg und die Wiedersehensfreude ist groß. Die beiden sind schon ein paar Tage hier und wollen den morgigen Tag noch hier verbringen. Pit hat nämlich Geburtstag.  Und so beschließen wir gleich mal heute Abend gemeinsam essen zu gehen. Davor wollen Delphine und ich noch ein paar Infos zum Gleitschirmfliegen hier bekommen. Auf den Dünen kann man bestimmt schön fliegen, aber die Windverhältnisse hier sind für uns nicht so ganz eindeutig, da die Oase von allen Seiten von Dünen umgeben ist und so immer die Gefahr besteht irgendwo im Lee zu fliegen. Nach einigem hin und her hat Delphine schließlich Kontakt zu einem einheimischen Flieger. Ob es allerdings fliegbar ist die nächsten Tage ist noch nicht so sicher. Also gehen wir erstmal schön Essen und feiern später in Pit’s Geburtstag rein. Am nächsten Morgen machen wir uns auf um etwas mehr von der Umgebung zu sehen. Dabei beschließen wir dann auch noch eine Fahrt mit einem der vielen Sandbuggys hier zu machen. Davor besteigen wir noch eine der ungefähr zweihundert Meter über der Oase aufragende Dünen und genießen den Blick in die Sandwüste und runter auf die Oase.

Dann geht‘s auch schon los zur Buggytour. Das ist ein bisschen wie Achterbahn fahren in den Dünen. Die Tour geht ein paar km in die Sandwüste rein und es geht immer wieder über steile Kanten und enge Kurven. Bei einer kleinen Pause können wir mit einem Sandboard über die steile Dünenkante runterrutschen. Da wir beide keine Snowboarder sind natürlich im Liegen und mit dem Kopf voraus. Der Spaß ist sicherlich größer, wenn man richtig Snowboarden kann.

Am Abend gehen wir zur Feier von Pit’s Geburtstag nochmal schön Essen und quatschen lange mit den beiden. Wir haben sie im September schon mal kurz in Sajama getroffen, im November nochmal etwas länger im bolivischen Amazonasgebiet und jetzt wieder. Mal sehen, wann man sich wieder trifft.

Am nächsten Morgen fahren die zwei Schweizer mit ihrem Allrad Bus weiter durch die Wüste in Richtung Paracas. Da wir nicht sicher wissen wie die Strecke ist nehmen wir mit Pedro lieber die asphaltierte Panamericana. Davor besteigen wir noch die zweite hohe Düne die nördlich der Oase liegt. Mit dem Gleitschirmfliegen ist es hier leider nichts geworden. Der Wind hat einfach nicht gepasst.

Die Küste von Paracas

Paracas ist eine kleine Stadt am Pazifik. Südlich davon schließt ein größeres Naturschutzgebiet an. Hier gibt es einen schönen Küstenabschnitt mit vielen Steilküsten, schönen Stränden mit vielen Vögeln. Direkt hinter der Küste beginnt die weite Sandwüste die bis Ica reicht.

Wir wollen das Naturschutzgebiet besuchen und an einem der Küstenabschnitte auch fliegen. Als wir das erste Mal an den Abschnitt kommen wo man fliegen kann kommt der Wind mehr von der Seite als von vorne. Als er gegen Mittag stärker wird können wir zwar eine Weile fliegen, das ist aber etwas anstrengend. Um bei dieser Windrichtung fliegen zu können muss der Wind so stark sein, dass man schon in einer Höhe von gut 30 Metern fast rückwärts fliegt und zu sehr zur Hangkante geschoben wird. Etwas weiter unten geht es ganz gut, aber wenn man zu tief kommt geht es schnell ganz runter. Wir bleiben beide einen knappe halbe Stunde in der Luft und beschließen dann, als der Wind noch zulegt, lieber zu landen.

Während wir noch in der Luft waren sind auch Pit und Nicole aus der Wüste angekommen und wir trinken erstmal gemeinsam einen Kaffee. Die beiden wollen hier übernachten, wir wollen lieber noch weiter in den Süden an eine versteckte Bucht. Das Übernachten im Park ist offiziell verboten und wenn ein Ranger kommt muss man im Zweifelsfall auch später am Abend noch rausfahren. Weiter südlich sind nicht mehr so viele Touristen und auch weniger Ranger, deswegen wollen wir noch da runter. Wir fahren also gut 20 km in den Süden und an eine sehr schöne Bucht wo wir ziemlich nahe am Wasser übernachten. Der Sonnenuntergang ist super und am nächsten Morgen machen wir einen kleinen Berglauf auf einen nahegelegenen Küstenberg mit schönem Meerblick. Beim Weiterfahren schaffe ich es leider Pedro in einem ziemlich weichen Sandstück festzufahren und so müssen wir erstmal eine gute Stunde Sand schaufeln bevor uns dann ein netter Peruaner mit seinem Allradauto aus dem Sand zieht.

Danach geht’s nochmal ein ganzes Stück durch die Wüste nach Süden wo wir in zwei Fischerdörfern versuchen frischen Fisch zu kaufen. Im ersten Dorf gibt’s leider gerade keinen Fisch mehr, im zweiten könnten wir Fisch kaufen, aber eher einen ganzen LKW voll oder zumindest einen riesengroßen Fisch und nicht nur ein Stück. Also gibt’s wohl keinen Fisch heute Abend.

Am Nachmittag fahren wir wieder zurück in die Gegend wo wir letzte Nacht schon waren und übernachten etwas weiter nördlich an einem schönen Strand. Hier sind unglaublich viele Vögel die wir von Pedro aus beobachten und die immer wieder in großen Schwärmen losfliegen und ein paar Runden drehen bevor sie wieder bei uns landen. Weiter draußen auf einer Insel sind viele Pelikane die zum Jagen senkrecht von oben ins Wasser schießen um Fische zu fangen. Und ein Flamingoschwarm ist auch noch weiter unten am Strand.

Heute wollen wir es nochmal mit dem Gleitschirmfliegen probieren und dann wieder nach Paracas und weiter in Richtung Lima fahren. Als wir beim Startplatz sind ist der Wind noch ziemlich wenig und ich fliege ein paarmal kurz zum Strand runter. Irgendwann zieht der Wind dann an und es trägt schön. Delphine kommt auch in die Luft und wir fliegen eine gute Stunde über den Klippen, dem Strand und dem Wasser bevor der Wind dann weiter zunimmt und wir landen.

Nach Lima mit Zwischenstopp in Asien

Auf dem Weiterweg nach Lima kontaktiert Delphine ihren Ex-Kollegen Jose. Dieser ist vor vierzig Jahren aus Peru nach Deutschland ausgewandert und verbringt seit er in Rente ist jedes Jahr ein paar Monate in Lima. Er meldet sich gleich zurück und es stellt sich heraus, dass er aktuell nicht in Lima sondern weiter südlich in einem Urlaubsresort in einem Ferienhaus ist. Das ist gar nicht weit weg von uns und wir können wahrscheinlich in dem überwachten Resort vor ihrem Ferienhaus übernachten. Also fahren wir nicht bis Lima, sondern erstmal nur bis Asia. So heißt der Ort an dem hier unzählige eingemauerte Ferienresorts der wohlhabenderen Bürger von Lima sind.

Neben Jose sind auch noch seine Frau Sole, deren Schwester Norma und die Haushälterin Teo in dem gemieteten Ferienhaus. Wir werden am Abend gleich zum Essen ausgeführt und lernen die Familie näher kennen. Vor dem Frühstück können wir am nächsten Morgen in den 25 m Pool des Resorts zum Schwimmen gehen, was besonders Delphine sehr erfreut und später laufen wir nochmal zum Strand. Nach dem Mittagessen machen wir uns dann auf den Weg nach Lima, wo wir Jose und seine Familie in ein paar Tagen wieder treffen werden.

Lima

Wir kommen am Sonntagabend in Lima an und übernachten erstmal in einem reicheren Stadtviertel an einem Park, bevor wir dann am Montag in der Früh zum Club Germania fahren. Auf dem Gelände des deutschen Vereins können Besitzer eines deutschen Reisepasses für zwei Nächte kostenlos stehen und auch das Schwimmbad benutzen. Da es in Lima keinerlei Campingplätze gibt nutzen wir die Chance gerne um hier schon mal die ersten zwei Nächte sicher zu stehen. Übernachten in Pedro ist in Lima sicherlich kein großes Problem. Plätze dafür finden sich in den reicheren Vierteln gewiss. Aber das Fahrzeug alleine stehen zu lassen wenn man in die Stadt geht ist dann schon was anderes.

Wir melden uns also im Sekretariat des Clubs an und dann muss ich auch gleich los zur deutschen Botschaft um einen neuen Reisepass zu beantragen. Den Termin dafür habe ich schon vor Wochen gemacht und unsere Routenplanung musste immer so gewählt werden, dass wir pünktlich hier sind. Am Nachmittag müssen wir dann gleich nochmal gemeinsam in die Botschaft um den Antrag für ein polizeiliches Führungszeugnis amtlich beglaubigen zu lassen. Das verlangt der Staat Ecuador seit ein paar Tage auf Grund eines Notstandes für die Einreise. Wir hoffen zwar ohne dieses Papier in Ecuador einreisen zu können – es dauert ohnehin gut sechs Wochen bis wir es in Südamerika haben – aber beantragen wollen wir es vorsichtshalber mal.

Die nächsten zwei Tage vergehen vor allem damit, einige Besorgungen für Pedro zu machen. Ich will endlich die Fenster vorne wieder gangbar machen, weil die Hitze hier ohne Klimaanlage und ohne zu öffnende Fenster schon ganz schön anstrengend ist. Und sonst gibt es auch noch ein paar Kleinigkeiten zu erledigen. Danach fahren wir dann rauf nach Chaclacayo etwa 40 Kilometer östlich von Lima, wo Katja und Julian seit ein paar Tagen sind. Die beiden waren über Weihnachten drei Wochen daheim und haben ihr Auto hier bei Carlos, einem Mechaniker abgestellt der neben der Werkstatt auch einen einfachen Hof mit Wasseranschluss, Dusche und Toilette bereitstellt auf dem man günstig campen kann. Jetzt sind sie wieder zurück und müssen noch ein paar Tage hier warten, bis der Zoll ihren Camper wieder frei gibt.

Wir möchten die beiden natürlich wiedersehen und außerdem will ich die Gelegenheit nutzen um die Fenster und die Wasserversorgung von Pedro und noch ein paar Kleinigkeiten umzubauen bzw. zu reparieren. Und nebenbei quatschen wir natürlich auch viel mit unseren beiden Reisekollegen, genießen mal wieder die gute peruanische Küche und bekommen von Carlos einen neuen Keilriemen in Pedro eingebaut. Nach vier Tagen an der lauten Schnellstraße geht’s dann wieder runter nach Lima, wo wir schon von Jose und seiner Familie erwartet werden.

Die Familie von Sole, Jose’s Frau, hat ein Haus im Stadtteil Salamanca. Die Gegend hat eine eigene Security und ist dadurch recht sicher. Als wir ankommen wird uns auch gleich erklärt, dass wir im Haus schlafen. Jose und Sole haben ihre kleine Wohnung im fünften Stock extra für uns freigemacht und so bekommen wir zum zweiten Mal seit über einem Jahr ein richtiges Bett und sogar eine eigene kleine Wohnung. Das hatten wir nur einmal für eine Nacht als Pedro in Bariloche in der Werkstatt stand. Wir wissen diesen Luxus sehr zu schätzen und genießen den Platz und das eigenen Badezimmer. Auch die Waschmaschine dürfen wir benutzen und so können wir auch mal wieder richtig gut Wäsche waschen. Mit warmen Wasser und gutem Waschmittel.

Von hier aus haben wir nun Zeit auch endlich die Stadt Lima kennen zu lernen. Zwar sind wir schon viel hier herumgefahren und kennen viele Handwerksgeschäft und die Botschaft, aber von den Sehenswürdigkeiten der Stadt haben wir noch nicht viel gesehen. Und dann werden wir auch noch sehr gut bekocht. Jeden Tag lernen wir ein neues peruanisches Gericht kennen. Und die sind alle sehr, sehr gut.

In dem Haus wohnen im Moment neben Jose und Sole noch Soles Schwester Norma, die wir auch schon am Meer kennen gelernt haben und die ebenfalls aus München für ein paar Wochen zu Besuch ist. Und die ältere Schwester der beiden, Madelene, kommt auch regelmäßig zu Besuch. Die vier erzählen uns viel über Lima und geben uns viele Tipps was wir anschauen können. Außerdem erfahren wir von Jose einiges über seine Zeit in Peru. Aufgewachsen im Amazonasgebiet ist er als Kind mit seiner Familie nach Lima gekommen. Mit Anfang zwanzig hat es ihn ins Ausland gezogen und schließlich hat er beschlossen nach Deutschland zu gehen um dort zu studieren. Letztlich ist er in Deutschland geblieben, ist aber nach wie vor sehr gerne in Peru und erzählt uns eine Menge über sein Land.

Unser erster Ausflug ins Stadtzentrum geht nach Barranco. Eigentlich war das mal ein schicker Vorort von Lima wo die Reichen am Wochenende in ihren Ferienhäusern waren. Inzwischen ist es ein Teil der Stadt in dem vor allem viele Touristen, Restaurants und Cafés in den bunten alten Häusern sind. Wir laufen vom Hauptplatz aus zum Pazifik, wo man die schöne Steilküste von Lima gut sehen kann und dann bei Sonnenuntergang wieder zurück in die Stadt. Die Strände von Lima soll man nach Sonnenuntergang alle meiden, da kommt wohl schnell mal was abhanden. Also schlendern wir noch ein bisschen durch die Gassen von Barranco und fahren dann wieder zurück in unsere schicke Wohnung.

Am nächsten Tag machen wir eine interessante Führung durch die historische Altstadt mit. Hier sind die Bankenviertel und die Verwaltungsgebäude der Stadt und auch der Präsidentenpalast. Gar nicht allzu weit entfernt davon sieht man aber auch die bunten Armenviertel an den Hügeln rund um die Stadt. Nach der Führung gehen wir mit ein paar der anderen Teilnehmer zum Mittagessen und lassen uns danach noch eine Weile durch die Straßen treiben bevor wir dann am Abend wieder nach Hause fahren.

Jose hat uns von einer besonderen Tour durch Lima erzählt. Sein deutscher Schwager Alois Kennerknecht ist vor über vierzig Jahren das erste Mal nach Lima gekommen um seine spätere Frau, Jose’s ältere Schwester kennen zu lernen. Der studierte Agraringenieur hat davor schon einige Jahre als Entwicklungshelfer in verschiedenen Ländern gearbeitet und danach war er mit seiner Frau auch noch unterschiedlichen Ländern Afrikas und Südamerikas um dort zu arbeiten. Seit 37 Jahren lebt er jetzt in Lima und hat hier in den unterschiedlichsten Bereichen gearbeitet und kennt die Stadt und auch ihre ärmeren Viertel sehr gut. Diese Erfahrungen teilt er auf Nachfrage auch mit interessierten Touristen in Form einer alternativen Stadttour.

Wir kontaktieren Alois und verabreden uns mit ihm für eine Tour. Julian und Katja kommen auch nochmal runter in die Stadt um an der Tour teil zu nehmen. Bevor es losgeht treffen wir uns mit den beiden noch in einer deutschen Bäckerei und essen das erste Mal seit über einem Jahr mal wieder Brezen. Die Tour startet dann zunächst in einem reichen Viertel wo Alois einige seiner sogenannten Ökosilos gebaut hat. Das sind mehr oder weniger einfache Löcher im Boden, die mit Betonringen oben stabilisiert und mit einem Betondeckel verschlossen sind. Hier kommt der Bioabfall rein um in ein paar Monaten zu gutem Humus zu verrotten, den die Nutzer dann wieder in ihren sandigen Gärten verwenden können. Das ganz funktioniert sehr gut, aber stößt leider immer wieder auf massiven Wiederstand der Kommunen die die Hoheit über die Abfallentsorgung nicht aufgeben wollen. Außerdem werden die Bürgermeister hier alle vier Jahre neu gewählt und dürfen nur über eine Periode lang im Amt bleiben. Der jeweils neue Bürgermeister macht dann aus Prinzip alles anders als sein Vorgänger und auch das hat für die Ökosilos in vielen Gegenden nach ein paar Jahren das Aus bedeutet.

Ähnliche Erfahrungen hat Alois hier auch immer wieder bei der Arbeit in Schulen gemacht. Er hatte alle möglichen erfolgreichen Projekte in verschiedenen Schulen. Aber die Direktoren wechseln jedes Jahr und wollen auch meist alles anders machen als ihre Vorgänger. Erst vor kurzem wurden deshalb in einer Schule über 30.000 Pflanzen einfach verbrannt, weil die neue Direktorin sie nicht für gut befunden hat. Davor wurde das ganze lange Zeit in guter Zusammenarbeit mit den Lehrern und Kindern aufgebaut. Jetzt ist alles kaputt.

Wir verlassen das eher reiche Viertel, das oben am Berg mit einer hohen Mauer abgeschlossen ist und fahren um den Berg herum auf die andere Seite der Mauer. Hier zeigt sich ein komplett anderes Bild. Es ist ein Viertel, in das wir uns ohne die Begleitung des ortskundigen Alois nicht hereinwagen würden. Und hier meint auch Alois, wir sollen besser im Auto bleiben und nicht aussteigen. Je höher wir am Berg kommen, desto ärmlicher werden die Häuser. Ganz oben am Berg ist dann wieder die Mauer von vorhin zu sehen. Dahinter beginnt das Reichenviertel.

Aber es ist auch sehr zwiegespalten erklärt Alois uns. Hier gibt es wirklich Armut im Viertel aber nicht nur. Einige Leute hier sind recht wohlhabend und verstecken das nur hinter der schäbigen Kulisse. Hier und da sieht man auch durchaus ganz schicke Autos hinter den Zäumen stehen. Verbesserungen oder Verschönerungen sind laut Alois in diesen Gegenden oft nicht erwünscht. Viele Hilfsgelder die sehr gerne gesehen sind, würden sonst wohl nicht mehr fließen.

Wir fahren weiter durch diese teils nicht ganz ungefährlichen Viertel. Mitten drin zeigt uns Alois ein paar fast neue Sportstadien. Sie wurden für die Durchführung einer Serie von amerikanischen Wettkämpfen für viele Millionen Dollar hier gebaut und wurden danach kaum mehr benutzt. Aber ein paar Leute haben gut Geld damit verdient. Die Leute vor Ort haben wohl kaum viel davon.

Wir besichtigen eine Klinik, welche aus Containern von einem der ehemaligen Bürgermeister des Stadtteils erbaut wurde um die medizinische Versorgung zu gewährleisten. Nachdem er nicht mehr im Amt war, wollte er die Klinik auch wieder abbauen. Am Ende konnte man sich wohl auf ein Mietmodell einigen und die Klinik blieb bestehen.

Wir fahren weiter durch die armen Bezirke von Lima. Am Straßenrand liegen riesige Müllhaufen die teilweise ihren Gestank über das ganze Viertel verbreiten. Noch ein Stück weiter kommt die Müllverbrennungsanlage wie Alois den Straßenabschnitt nenn. Hier wird der Müll einfach in den breiten Bereich zwischen die Fahrspuren gekippt und abends angezündet. Eines der Feuer brennt schon und verbreitet übelsten Qualm über die Straße.

Aber eines der Hauptprobleme meint Alois ist, dass die meisten Leute hier keine Verbesserungen möchten. Wenn jemand Müll sammelt oder sonst welche Verschönerungen anstrebt wird er davon abgehalten. Im Zweifel auch mit üblen Drohungen und großen Nachteilen im Alltag. Es könnte ja sein, dass die Spendengelder weniger werden, wenn es zu schön aussieht. Also besser keine Verbesserungen. Wobei ein Großteil der Spendengelder wohl in den Taschen derjenigen landet, die das Sagen haben.

Am Ende unserer Tour besuchen wir noch eine Schule in der Alois erfolgreich viele Vetiver Gräser gepflanzt hat. Diese Gräser hat er zunächst verwendet um von der Erosion bedrohte Hänge zu stabilisieren. Ihre Wurzeln reichen sehr weit in die Erde und stabilisieren diese. Gleichzeitig braucht das Gras nicht viel Wasser. Ein halbes Jahr ganz ohne Wasser überstehen die Pflanzen genauso gut wie sie auch voll im Wasser stehen können. Und er hat damit erfolgreich auch viele sandige Flächen begrünt. Auf dem Grund dieser Schule hat er mit den Pflanzen einen bei den Schülern und Lehrer beliebte Grünfläche geschaffen, die gleichzeitig über lange Zeit das Abwasser der Schule gereinigt hat. Die aktuelle Direktorin hat aber darauf bestanden das Abwasser wieder der Kanalisation zuzuführen, wodurch die Pflanzen jetzt anderweitig bewässert werden müssen. Und demnächst sollen sie hier wieder ganz verschwinden. Das heißt, es gibt dann bald wieder eine große Sandfläche neben der Schule.

Wir können die ganzen Geschichten erst nicht so recht glauben. Aber Alois hat inzwischen fast sechzig Jahre Erfahrung in der Arbeit in der Entwicklungshilfe und meint, dass es leider oft so läuft. Daran sind seiner Meinung nach auch die Vorgehensweisen vieler großer Hilfsorganisationen schuld, die letztlich oft nur ihre europäischen oder amerikanischen Ideen in anderen Ländern durchsetzen wollen. Dass sie damit oft gar keine richtige Hilfe oder Verbesserung bringen sehen sie wohl oft nicht bzw. wollen es nicht sehen.

Alois hat deshalb seinen Weg gefunden wie er versucht zu helfen indem er genau schaut wie die Leute in den jeweiligen Gegenden Leben. Und dann versucht er Lösungen zu entwickeln, die zu dem jeweiligen Ort passen. Wie wir hier sehen mussten klappt auch das nicht immer. Aber der fast achtzig jährige steckt immer noch voller Energie und hat eine Menge Projekte am Laufen, allen Widerständen zum Trotz.

Wer mehr über Alois erfahren möchte findet einige Einträge im Internet. Einfach nach Alois Kennerknecht suchen.

An unserem letzten Abend in Lima führen wir dann noch Jose, Sole und Soles Schwester Madelene zum Essen aus. Wir haben fast eine Woche bei ihnen gewohnt und quasi Vollpension gehabt. Die Küche zuhause ist das Reich der Haushälterin Frau Teo, da dürfen wir nichts machen, aber zum Essen lassen sie sich gerne von uns ausführen. Wir hatten eine gute Zeit mit Jose und seiner Familie und haben von ihnen eine Menge über Peru und das leckere Essen in diesem Land gelernt. So fällt der Abschied nicht ganz leicht. Aber zumindest Jose und Sole und deren Schwester Norma werden wir bestimmt in Deutschland wiedersehen.

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