Adios Pedro
vevor wir unsere persänliche Deko entfernen gibts noch ein paar letzte Bilder

Adios Pedro

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Von Maitencillo aus geht’s für uns dann nach Quillota. Hier ist die kleine Firma OverAndes. Juan Pablo – kurz JuPa – und seine Frau Dani betreiben seit ein paar Jahren zu zweit diese Firma, die sich darauf spezialisiert hat, chilenische Camper von Ausländern zu kaufen bzw. an neue Käufer weiterzuvermitteln. Als Ausländer kann man in Chile legal ein Auto kaufen, wenn man eine sogenannte RUT hat – eine chilenische Steuernummer. Diese zu bekommen und den ganzen Papierkram dazu zu erledigen, ist vor allem der Service, den die beiden ihren Kunden bieten. Alles fing während der Corona-Pandemie an. Dani und JuPa waren selbst eine Weile mit ihrem Camper in Südamerika unterwegs und kannten auch viele andere Overlander. Als dann im März 2020 plötzlich viele Reisende ziemlich kurzfristig das Land verlassen mussten, haben sie auf dem Grundstück von JuPa’s Eltern viele Fahrzeuge abgestellt und sich auch in Abwesenheit der Besitzer um die Abwicklung und den Verkauf der Fahrzeuge gekümmert. Was als Unterstützung in dieser Ausnahmesituation begann, ist inzwischen ihr Geschäft. Und wir haben auf der Reise viel Gutes über die beiden und ihren Service gehört.

Wir können Pedro in Chile zwar nicht verkaufen, weil er nach wie vor ein deutsches Auto ist, aber wir können ihn nach europäischem Recht verkaufen und dem neuen Besitzer hier eine Vollmacht ausstellen, mit der er in allen süd-, mittel-, und nordamerikanischen, Ländern legal fahren darf. Und genau dabei wollen wir die Unterstützung der beiden annehmen, damit es auch rechtlich alles korrekt läuft. Zumal sich Louise und Thomas, die künftigen Besitzer, überhaupt nicht mit der Thematik befasst haben und wir auch für sie die Sicherheit gewährleisten wollen, dass es alles auch nach chilenischem Recht richtig läuft.

So treffen wir Louise und Thomas in Quillota und fahren mit ihnen zum Haus von Dani und JuPa. Wir dürfen hier auch eine Nacht übernachten, bevor wir dann morgen gemeinsam zum Notar fahren, um das „Poder“ – die Vollmacht – notariell beglaubigen zu lassen.

Am Nachmittag treffen wir also zum ersten Mal auf Pedros zukünftige Besitzer und verbringen den Abend damit, ihnen viele Tipps zum Reisen und zum Umgang mit Pedro zu geben. Dabei merken wir allerdings auch, dass die beiden tatsächlich nur bedingt auf das vorbereitet sind, was sie da vorhaben. Nicht, dass eine Reise im Camper durch Südamerika besonders schwierig oder extrem wäre, aber eine gewisse Anpassungsfähigkeit, technisches Grundverständnis und Bereitschaft, sich mit neuen und ungewohnten Dingen auseinanderzusetzen, sollte natürlich schon vorhanden sein. Aber sie haben ja auch noch genug Möglichkeiten, sich damit unterwegs auseinanderzusetzen. Und auch wir mussten einiges über den Reisealltag erst nach und nach lernen.

Am nächsten Morgen erledigen wir den ganzen Papierkram und fahren dann zu viert in Pedro nach Santiago. Wir wollen östlich von Santiago auf einen etwas abgelegenen Stellplatz, wo wir uns zwei bis drei Tage Zeit nehmen wollen, Pedro auszuräumen und alles für die endgültige Übergabe fertig zu machen. Das klingt erstmal nach einer Menge Zeit, aber nachdem wir über zwei Jahre in diesem Fahrzeug gelebt haben, gibt es eine Menge Dinge auszusortieren, zu packen – so, dass wir das restliche Gepäck im Flugzeug mit nach Hause nehmen können – und Pedro schließlich auch nochmal ordentlich zu putzen. Außerdem habe ich einige spezielle Dinge wie die Wartung und den Umgang mit dem ganzen Campingausbau noch aufgeschrieben, damit die beiden Neuen – und auch andere zukünftige Besitzer – sich nicht mühselig alles zusammensuchen müssen. Es ist zwar keine Raketentechnik, die in Pedro verbaut ist, aber er hat eine eigene Wasserversorgung, und man ist selbst für die Erhaltung der Trinkwasserqualität – inklusive korrekter Desinfektion und Filterung – verantwortlich. Außerdem sollte man die Stromversorgung verstehen und ihre Grenzen kennen, um nicht die Batterie zu zerstören oder im falschen Moment plötzlich ohne Strom dazustehen. Und dann muss man sich drum kümmern, regelmäßig Gas zum Kochen und Heizen nachzufüllen, was auch nicht mal eben im Baumarkt geht, sondern manchmal auch diverse Adapter und technische Kreativität erfordert.

Leider haben unsere Nachfolger im Moment verständlicherweise eher wenig Verständnis dafür, und auch wenn wir ihnen schon vor zwei Monaten gesagt haben, dass wir hier ein paar Tage brauchen, haben sie nur im Kopf, dass sie möglichst schnell mit Pedro zum Surfen an die Küste fahren wollen. Sie träumen aktuell immer noch vom Vanlife, das sie im Internet gesehen haben, und verstehen leider noch nicht, dass das nur ein kleiner Teil einer solchen Reise ist. Und so bin ich ehrlich gesagt schon jetzt teils etwas genervt von den beiden, weil es mir schon jetzt ganz schön naiv erscheint, wie sie diese Reise angehen. Aber gut, das wird sich schon alles klären. Wir erklären den beiden nochmal – eigentlich hatten wir das schon vor einigen Wochen besprochen –, dass sie zwar mit uns auf den Campingplatz kommen können, wir aber nicht beim Ausräumen unserer Sachen und beim Herrichten von Pedro helfen können. Dazu ist einfach zu wenig Platz in dem Gefährt.

So kommen sie dann für eine Nacht mit rauf zu dem Platz, und wir sitzen am Abend am Feuer vor Pedro und erzählen von unserer Reise und versuchen, ihnen auch möglichst viele hilfreiche Tipps zu geben und schon mal ein paar spezielle Dinge zu Pedro zu erklären. Zum Beispiel wie es sich mit so einem Dieselfahrzeug in großer Höhe fährt und was man dazu wissen muss. In Europa hat man ja keine Pässe, die auf fast 5.000 Meter Höhe über dem Meer gehen, und wo man mit extrem wenig Leistung über miese Schotterpisten fahren muss.

Die zwei übernachten neben Pedro in einem der zwei Zelte, die wir ihnen auch überlassen werden. Das Zelt ist zwar nicht mehr neu – wir haben es gebraucht in Patagonien gekauft –, aber es hat schon einige stürmische Nächte in Patagonien hinter sich und war für uns bei guter Pflege immer noch ein treuer Begleiter. Wir beobachten die zwei, wie sie das Zelt aufstellen, und sie erklären uns dann, der Boden wäre zu hart für Häringe. Wir malen uns aus, wie sie wohl erst bei einer Tour in Patagonien auf steinigem Untergrund klarkommen wollen. Die Häringe setze ich später ohne Probleme mit Hilfe eines Steins, der als Hammer dient.

Am nächsten Morgen bringen wir die zwei mit Pedro in die Stadt und fangen dann an, unsere Sachen zusammenzusuchen. Man kann es sich kaum vorstellen, aber auch in dieser sehr kleinen Behausung kann sich wahnsinnig viel Zeug ansammeln, und es gibt viele Ecken, in die wir sehr lange nicht geschaut haben und wo wir immer wieder kleine Überraschungen finden. Hier ein T-Shirt, das man schon als vermisst abgeschrieben hatte, da noch ein kleines Souvenir, das wir vor fast zwei Jahren in Patagonien gekauft haben, u.s.w. Und dann müssen wir vor allem viele Entscheidungen treffen, was wir hierlassen und was wir mitnehmen wollen. Beim Rückflug können wir maximal jeweils das Handgepäck und drei große Gepäckstücke mit je 23 kg mitnehmen. Das klingt viel, aber wir haben ja einen kompletten Hausstand hier, inklusive vieler Souvenirs, die sich im Laufe der Zeit angesammelt haben.

Und dann fällt es uns einfach sehr schwer, alles aus dem Auto zu räumen, das für die zwei sehr intensiven letzten Jahre immer unsere Heimat war. Wenn wir von langen Bergtouren zurückkamen, war die Ankunft bei Pedro immer wie nach Hause kommen. Egal, wo er gerade stand. Da drin hatten wir unsere Ruhe, es war trocken, wir hatten ein paar saubere Kleider und konnten richtig kochen und uns ausruhen. Wie das halt so ist, wenn man nach Hause kommt. Und jetzt müssen wir all unsere persönlichen Dinge packen und ihn abgeben.

Genug gejammert. Wir sind eine Weile beschäftigt damit, alles zu räumen, draußen zu sortieren – das Wetter macht zum Glück mit – und Pedro für die Übergabe vorzubereiten. Und es ist deutlich mehr Aufwand, das alles zu erledigen, als wir dachten. Währenddessen kommen ständig Nachfragen von Louise und Thomas, wann wir denn fertig wären und ob es nicht etwas schneller gehen könnte. Natürlich verstehen wir, dass die beiden auch in ihr Abenteuer starten wollen, aber sie verstehen im Moment noch überhaupt nicht, dass wir nicht einfach nur ein paar Tage im Camper unterwegs waren und jetzt kurz unsere Sachen aufräumen, sondern dass es eher das Ausräumen einer kleinen und sehr verschachtelten Wohnung ist. Letztlich sagen wir den beiden zu, den Camper einen Tag eher als geplant zu übergeben, wenn sie sich dafür um die Reinigung außen kümmern und auf die ausführliche Dokumentation verzichten, die ich eigentlich noch schreiben wollte. Sie sagen uns zu, sich um die restliche Reinigung selbst zu kümmern und auch nicht ständig bei irgendwelchen Kleinigkeiten nachzufragen, wenn sie mit irgendwas am Auto nicht klarkommen. Soviel vorweg: Schon am zweiten Tag bekommen wir ein paar völlig überflüssige Fragen zur korrekten Bedienung der Markise und wie man den Wassertank öffnet. Beides Dinge, die mit minimalem technischen Verständnis selbsterklärend sind. Und ein paar Wochen später sind sie mit einer einfachen Reifenpanne und der Bedienung der Wagenheber so überfordert, dass sie uns die Schuld geben, wir hätten ihnen das Auto im schlechten Zustand übergeben. Mit den Wagenhebern, die laut ihrer Aussage nicht dazu geeignet sind, habe ich Pedro die letzten zwei Jahre auch an sehr ungünstigen Standorten mehrfach angehoben und die Reifen immer problemlos wechseln können. Das scheint also eher ein Bedienproblem zu sein. Aber letztlich überzeugt mich Delphine davon, den etwas früheren Übergabetermin zuzusagen und eben – wie mit den beiden abgesprochen – nicht alles perfekt zu übergeben.

Aber jetzt meckere ich schon wieder die ganze Zeit. Wir räumen also all unsere Sachen zusammen und packen sie so, dass sie irgendwie auch fürs Fluggepäck in zwei Monaten geeignet sein sollten, und machen dabei noch einige Abschiedsfotos mit Pedro und all den kleinen Verzierungen und Lamafiguren, die wir im Lauf der Reise so angesammelt haben. Und die Abende vor Pedro versuchen wir auch nochmal zu genießen.

Und dann kommt der Moment, wo wir runter nach Santiago fahren. Wir haben vereinbart, die Übergabe vor dem Haus von Claudia zu machen, wo wir auch die nächsten Tage wohnen werden. Hier standen wir vor eineinhalb Jahren schon mal bei unserem ersten Aufenthalt in Santiago und haben uns mit der sehr netten Übersetzerin angefreundet. Und da sie auch Zimmer vermietet, ist dies nun für die nächsten Tage unsere Bleibe, und unser Gepäck kann hier auch für die Zeit unterkommen, die wir noch als Backpacker reisen wollen.

Es ist ein komischer Moment, als Delphine vor dem Haus von Claudia parkt und den Motor stoppt. Nach insgesamt genau 42.800 km, die wir in Südamerika mit ihm gefahren sind. Bei km 149.347 sind wir in Montevideo los, und jetzt haben wir 191.147 km auf dem Tacho. Das sind ungefähr 145 Millionen Umdrehungen des Motors – nur falls das irgendjemanden außer mir interessiert. Dieser inzwischen 25 Jahre alte Fiat Ducato hat uns durch viele für so ein Fahrzeug – kein 4×4 und nur 87 PS – teils ganz schön schwierige Situationen gebracht und nur selten wirklich Probleme gehabt. Die einzige größere Reparatur war die Instandsetzung des Getriebes in Argentinien. Ansonsten gab es natürlich die üblichen Verschleißteile wie Bremsen, Reifen, Stoßdämpfer und am Ende eine defekte Dichtung zwischen Motor und Getriebe. Auch die Kupplungsscheibe wurde in Salta nochmal mit einem neuen Belag versehen, aber im Gegensatz zu vielen anderen Reisenden, die wir getroffen haben – vor allem mit moderneren Fahrzeugen –, hat er die Reise super mitgemacht, und wir können nur jedem, der über die hohen Andenpässe reisen möchte, dazu raten, ein älteres Fahrzeug ohne Dieselpartikelfilter und ohne viel Elektronik zu kaufen. Und speziell der Fiat Ducato ist auch für seine extreme Robustheit bekannt. Zumindest die älteren Fahrzeuge.

Louise und Thomas warten schon auf uns, und nachdem wir unsere riesigen Gepäckstücke in unser Zimmer bei Claudia geschleppt haben, fangen wir an mit der Übergabe. Knapp drei Stunden zeigen wir alle Einzelheiten an Pedro und erläutern nochmal viele Kleinigkeiten. Wir erklären, wie man den Wassertank füllt und das Chlordioxid zur Desinfektion des Wassers anmischt und richtig dosiert. Ich versuche, alle relevanten Infos zu den technischen Details zu vermitteln, und Delphine erklärt den alltäglichen Umgang mit dem Fahrzeug. Und dann kommt der Moment, wo wir – nach ein paar letzten Fotos – den beiden die Schlüssel geben und wir ins Haus gehen. Ein letztes Mal sehen wir Pedro wegfahren, der für uns auf dieser Reise so ein wichtiger Begleiter war, und sind ganz schön traurig, ihn jetzt ohne uns fahren zu lassen.

Aber bei Claudia werden wir sehr lieb empfangen. Sie erzählt, dass sie schon öfter Gäste hier hatte, die ihre Fahrzeuge nach einer längeren Reise in Santiago verkauft haben, und dass sie die Trauer um so ein Fahrzeug – das ja letztlich nur ein Haufen Metall ist – durchaus verstehen kann. Sie und ihr Mann waren auch für ein knappes Jahr mit ihrem Camper in Südamerika unterwegs, und auch für sie war es schmerzhaft, das Fahrzeug nach so vielen Erlebnissen abzugeben.

Aber jetzt sind wir hier und können uns darauf konzentrieren, wie es weitergehen soll. Schließlich haben wir noch fast neun Wochen Zeit in Südamerika, und die wollen wir ja noch gut nutzen. Wir planen unsere Fahrt nach Iquique, wo wir nochmal für ein paar Wochen ausgiebig an der großen Düne Gleitschirmfliegen wollen, und verstauen den Teil unseres Gepäcks, den wir nicht dahin mitnehmen, bei Claudia in der Werkstatt.

Und dazwischen ist Hundesitting angesagt. Claudia ist ein großer Fan von Hunden und hat sich vor ein paar Wochen bereit erklärt, sich um eine schwangere Straßenhündin zu kümmern. Die ist inzwischen nicht mehr schwanger, aber dafür tummeln sich in einem großen Gehege im Garten fünf süße, kleine Hundewelpen, die gerade nach und nach neue Besitzer finden. Ob die Mutter der kleinen Welpen auch woanders hin soll oder bei Claudia bleibt, ist noch nicht klar. Sie hat allerdings schon zwei andere Hunde und eine Katze.

Wir sind auf jeden Fall ein paar Tage hier, gehen ein bisschen in die Stadt, packen unsere Sachen und starten dann – jeder bepackt mit großem Reiserucksack und Gleitschirmrucksack – unsere Fahrt nach Iquique.

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