Santiago Weyarn – Das Ende der Reise

Santiago Weyarn – Das Ende der Reise

Getting your Trinity Audio player ready...

Nach den intensiven Wochen mit vielen wunderschönen Flügen an der Düne, der Zeit mit den anderen Fliegern und unserem letzten Ausflug in die Hochebenen der Andenkommen finden wir uns wieder bei Claudia ein.

Wir sortieren unsere Sachen nochmal etwas um und aus. Gehen östlich von Santiago am Cerro La Obra nochmal zum Fliegen und genießen die letzten Tage mit ein paar Ausflügen in die Stadt und dem guten Pistazieneis in der Gelateria ums Eck. Nach unserem letzten Flug verkaufe ich meine Gleitschirmausrüstung an einen jungen Piloten, der gerade seine erste Ausrüstung sucht. Mein Schirm hat ganz schön gelitten im Sand von Iquique und benötigt einige neue Leinen. Das weiß der Käufer – der sich von seinem Lehrer beraten lässt – natürlich auch. Aber es ist ein guter Handel für uns beide. Ich habe kaum noch Platz im Gepäck und müsste irgendetwas anderes hier lassen, wenn ich ihn mitnehme. Und die Reparaturen zuhause wären so teuer, dass es sich für den über zehn Jahre alten Schirm nicht mehr lohnt. In Chile dagegen sind die Reparaturen nicht ganz so teuer, und neue Schirme – die ausschließlich aus Europa oder den USA kommen – kosten eine Menge.

Und dann kommt auch bald schon der Tag des Rückfluges. Wir checken nochmal unser ganzes Gepäck, gehen ein letztes Mal das leckere Pistazieneis essen und verabschieden uns dann schließlich von Claudia und ihren Hunden. Mit sehr gemischten Gefühlen fahren wir zum Flughafen. Wir freuen uns natürlich sehr darauf, unsere Familien und Freunde wiederzusehen. Aber wir haben auch das unstete Leben auf Reisen sehr liebgewonnen und werden es sicherlich vermissen, wenn wir – wieder zuhause – jeden Tag schon ziemlich genau wissen werden, wo wir heute Abend übernachten, was wir nächste Woche machen werden und was in zwei Monaten.

Genau das ist gleichzeitig aber auch das, was am Reisen durchaus sehr anstrengend sein kann. Finden wir für heute Abend in der nächsten Stadt irgendeinen Platz zum Übernachten? Bekommen wir hier im Supermarkt die Dinge, die wir gerne mal wieder kochen würden? Wo bekommen wir die dringend benötigten Ersatzteile fürs Auto her? Was sind das für verdächtige Geräusche, die der Motor gerade in den abgelegensten Wüstengebieten schon wieder macht? Das klingt alles banal, ist aber eben das, womit man sich unterwegs oft so beschäftigt. So wie uns anders herum unterwegs die Probleme der daheim gebliebenen sehr banal vorkamen.

Und sicherlich werden wir die Menschen hier vermissen. Hier ist alles etwas chaotischer, aber auch entspannter und langsamer als in Europa. Das ist nicht zwangsweise eine Schwäche. Auch in Europa könnte man oft etwas entspannter an viele Dinge rangehen. Aber so unterscheiden sich Kontinente und Kulturen eben. Das ist ja auch ganz gut so.

Und nach ein paar Stunden sitzen wir dann auch schon im Flugzeug nach Madrid. Neben uns sitzt noch ein netter deutscher Konsul, der eine Vergangenheit als Forstmeister hat und eine Menge interessanter Dinge über die deutschstämmige Bevölkerung im Süden Chiles erzählt, mit der er viel in Kontakt ist. Wir haben viele deutsche Clubs und Häuser mit sehr altertümlich aussehender Aufschrift auf Deutsch gesehen und waren uns nicht sicher, ob das nicht auch viele geflüchtete Nazis aus der Zeit nach dem Krieg waren. Aber da haben wir den Leuten scheinbar Unrecht getan. Die Deutschen, die im Süden Chiles leben, stammen von Bauern ab, die die Chilenen vor etwa 150 Jahren als Siedler in den Süden geholt haben, um dort – unter den für die von Spaniern abstammende Bevölkerung viel zu kalten Bedingungen – das Land zu bewirtschaften. Und diese haben sich viele sehr alte deutsche Kulturen und eben auch die altdeutsche Schrift über die ganze Zeit beibehalten und treffen sich auch heute noch in ihren deutschen Clubs, um deutsches Brauchtum zu pflegen.

In Madrid haben wir dann nochmal einen kurzen Aufenthalt, und dann geht’s schon nach München. Wir steigen aus und stehen plötzlich am Flughafen vor dem Schild, das die Einreise in die Bundesrepublik Deutschland markiert.

Nach ziemlich genau 26 Monaten in Südamerika – vom 01.12.2022 bis zum 28.01.2025 – sind wir jetzt also wieder in Deutschland. Wir warten noch eine Weile auf unsere insgesamt sechs großen Gepäckstücke – mit dem Handgepäck haben wir immerhin gut 80 kg Gepäck pro Person. Und fahren dann mit zwei voll beladenen Wägen raus in die Empfangshalle. Und da ist ein großes Schild mit „Welcome Home“ draufgeschrieben. Gehalten auf der einen Seite von Christian, der sich bereit erklärt hat, uns hier am Abend noch abzuholen, und auf der anderen Seite von Simeon, meinem Neffen und Patenkind, den ich im ersten Moment gar nicht erkenne, weil ich nicht damit gerechnet habe, dass er extra den langen Weg aus Holland hierher macht, um uns Willkommen zu heißen. Das ist wirklich eine sehr gelungene Überraschung. Und als wir dann nach ein paar Minuten langsam zum Auto wollen – Delphine und ich sind nach den zwei langen Flügen und mit sechs Stunden Zeitverschiebung schon etwas platt – kommen auch Ramona und Thomas noch gelaufen, um uns zu begrüßen. Wir sind zwar einerseits gerade gar nicht richtig in der Lage, das alles zu realisieren, aber freuen uns auch sehr, schon hier am Flughafen so freudig wieder begrüßt zu werden.

Und dann geht’s mit dem Auto – witzigerweise mein ehemaliger Firmenwagen, den Christian für diesen Zweck ausleihen konnte – weiter nach Weyarn. Und dort ist dann sogar noch das ganze Haus von Simeon und meiner Mama geschmückt worden, und es gibt ein sehr emotionales Wiedersehen mit meiner Mutter. Sie und Delphines Mama sind sicherlich die zwei Personen, die uns am meisten vermisst haben während dieser Zeit und die sich jetzt auch am meisten freuen, dass wir wieder zurück sind.

Tja, das war es dann also mit zwei Jahren Reisen. Wir haben das Glück, unsere Wohnung schon nach drei Tagen wieder von meinem Mieter zurückzubekommen, der ab Februar eine neue Bleibe in München hat. Das ist tatsächlich ein sehr großer Luxus, den viele andere Langzeitreisende so nicht haben. Auch unsere Katze Cookie, die zwei Jahre bei meiner Mama gewohnt und uns nicht vermisst hat, kommt gleich wieder in die Wohnung zurück, als ich ihre Katzenklappe wieder öffne, und tut so, als wäre sie nie woanders gewesen.

Jetzt müssen wir also nur noch neue Jobs finden, und alles ist wie vorher. Fast.

Naja, die Sache mit den Jobs ist Anfang 2025 nicht ganz so einfach wie noch ein paar Jahre vorher. Fachkräftemangel hin oder her. Aber zunächst sind wir auch nicht böse darum, noch ein bisschen Zeit zu haben, uns wieder an das Alltagsleben zuhause zu gewöhnen. Und wir müssen auch feststellen, dass das weit mehr als ein paar Wochen dauert. Eher fast ein volles Jahr.

So, jetzt habe ich zwei Jahre unterwegs mit Delphine und Pedro sehr ausführlich auf inzwischen über 330 Seiten mit mehr als 193.000 Wörtern beschrieben. Die Fotos kommen erst beim Hochladen auf die Webseite dazu. Wer bis hierher alles gelesen hat, bei dem kann ich mich nur für die Geduld bedanken. Wer nur ab und zu Bilder angeschaut hat, den kann ich voll und ganz verstehen. Dieser Blog war zwar auch dazu gedacht, unseren Familien und Freunden daheim zu erzählen, was wir die ganze Zeit unterwegs so treiben, aber er ist gleichzeitig auch eine Erinnerung für uns beide, damit wir auch in ein paar Jahren noch den einen oder anderen Abschnitt lesen und uns zurückerinnern können an einzelne – für Außenstehende sicher oft unbedeutende – Momente unserer Reise. Es tut mir leid für alle, die lieber knappe und kurze Infos über unser Tun gehabt hätten. Aber letztlich war es eine sehr egoistische Tat, auf diese Weise nochmal alles Erlebte rekapitulieren zu lassen. Entschuldigt also bitte die langen Texte. Ich würde es trotzdem wieder tun.

Schreibe einen Kommentar