|
Getting your Trinity Audio player ready...
|
Wir sind nicht nur etwas wehmütig, weil wir Peru nun endgültig verlassen, sondern auch, weil das der Anfang unserer letzten Etappe mit Pedro ist. Es ist Mitte Oktober und in sechs Wochen sind wir in Santiago mit Louise und Thomas aus Frankreich verabredet, die dann mit Pedro ihre eigene Reise durch Südamerika starten wollen. Wir wollen dann noch ein paar Wochen bleiben und danach Anfang Dezember wieder zurück nach Deutschland. Eine lange Zeit verglichen mit einem normalen Urlaub, aber für uns rückt das Ende der Reise nun ganz klar näher – mit sehr gemischten Gefühlen.
Aber erstmal zu unseren Plänen für die nächsten Wochen. Wir sind wieder in Bolivien, ein Land, das wir schon bei unserem Aufenthalt im letzten Jahr sehr zu schätzen gelernt haben und in dem wir jetzt noch etwas Zeit verbringen wollen. Zunächst haben wir vor, auf der bolivianischen Seite des Titicacasees noch ein paar Tage in Copacabana zu verbringen. Dann möchten wir gerne noch die Isla del Sol – die Sonneninsel – besuchen und schließlich noch ein paar Tage in La Paz und den umgebenden Bergen sein. Danach ist der Plan, mit möglichst vollem Tank in den Süden Boliviens zu fahren, dort über die Grenze nach Argentinien und schließlich irgendwo weiter südlich über die Anden nach Chile zu kommen.
Auf der bolivianischen Seite des Titicaca See
Aber zunächst müssen wir noch nach Bolivien. Die Ausreise aus Peru verläuft relativ einfach. Ich habe ja einen neuen Reisepass, der aber ganz offiziell schon bei den peruanischen Behörden angemeldet ist. Dann die Einreise in Bolivien. Bei den Migraciones: Stempel in den Pass und weiter geht’s. Bei der Aduana – dem Zoll – arbeitet der Herr genauer als alle seine südamerikanischen Kollegen, die wir bisher kennengelernt haben. Er macht sich sogar die Mühe, für seine Unterlagen das ö in meinem Nachnamen aus der Sonderzeichenliste in Word zu kopieren. Das hat hier noch nie jemand gemacht. Und dann fragt er, warum in den Fahrzeugpapieren und in meinem Reisepass unterschiedliche Nachnamen stehen. Was? Nein, nein, da steht natürlich überall mein Name. Aber bei genauerer Betrachtung muss ich zugeben: Das stimmt nicht so ganz. In meinem neuen Reisepass fehlt tatsächlich der letzte Buchstabe meines Nachnamens. Da heiße ich Raphael Völt statt Raphael Völtl. So ein Mist. Da habe ich schon vor über zehn Monaten meinen neuen Pass in Deutschland beantragt, damit er dann auch rechtzeitig hier ist, und dann vergisst die Bundesdruckerei einen Buchstaben. Die Antragsunterlagen habe ich kontrolliert, da ist alles richtig.
Tja, was machen wir jetzt? Ich packe meinen Personalausweis und ein paar weitere Karten aus, und der sehr umgängliche Zollbeamte glaubt uns auch, dass wir keine Betrüger sind, und lässt uns schließlich einreisen. Wir sollen das Problem aber klären. Das versuche ich dann auch in den nächsten Tagen und bekomme vom deutschen Konsulat in La Paz die Antwort, dass mein Pass ungültig ist und ich möglichst schnell einen neuen, vorläufigen Pass benötige. Der kann auch für ein ganzes Jahr ausgestellt werden, wird aber dummerweise von der argentinischen Regierung nicht mehr akzeptiert. Wenn ich also nach Argentinien möchte, muss ich vorher ein Visum beantragen. Toll. Das Reisen durch Südamerika mit einem deutschen Reisepass ist super einfach und das war uns auch immer bewusst. Wir können in alle Länder hier ziemlich einfach und ohne viel Bürokratie einreisen und bekommen meist 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung – manchmal auch mehr. Und jetzt soll ich in La Paz mehrere Tage auf einen vorläufigen Reisepass und ein Visum warten, um dann eventuell erst recht Scherereien an der argentinischen Grenze zu bekommen? Wir überlegen und diskutieren eine Weile und schließlich beschließe ich, es drauf ankommen zu lassen und mit dem neuen – etwas falschen – Pass weiterzureisen. Spoiler: Es kostet einige Nerven an den noch zu überquerenden Grenzübergängen, aber letztlich komme ich überall problemlos durch.
Auf der Isla del Sol
Copacabana, das ist nicht nur ein recht bekannter Strand in Rio de Janeiro, sondern auch ein – vor allem bei den Bewohnern von La Paz – sehr beliebter Badeort am Südufer des Titicacasees. Hier wollen wir noch ein paar Tage bleiben und von hier aus auch für drei oder vier Tage auf die Isla del Sol – die Sonneninsel – fahren. Außerdem ist der Ort Copacabana auch dafür bekannt, dass man hier ganz offiziell vom katholischen Priester eine Weihe für sein Auto bekommen kann. Bei den hier üblichen Fahrzeugen in Kombination mit der gängigen Fahrpraxis ist eine Unterstützung von ganz oben auf jeden Fall auch begrüßenswert, und außerdem gefällt uns die Tradition.
Doch erstmal laufen wir am nächsten Morgen mit unseren Wanderrucksäcken zum Bootsanleger. Zur Insel kommen wir mit dem Boot. Auf der Insel selbst, die etwa 10 km lang ist, geht es nur zu Fuß weiter. Es gibt ein paar Traktoren, aber ansonsten wird hier noch ganz traditionell alles zu Fuß oder mit Lamas, Pferden oder Maultieren transportiert. Das ist auch einer der Gründe, warum die Insel so beliebt ist für Kurzurlaube. Es ist einfach ruhig und alles deutlich langsamer als im Rest des Landes. Zwar gibt es noch viel traditionelle Landwirtschaft auf der Insel, aber der Tourismus ist eindeutig die Haupteinnahmequelle für die meisten Bewohner. Und als wir vom Bootsanleger im Süden unterhalb von Yumani rauf in den Ort laufen, begegnen wir kurz nach dem Ortseingang auch einer Familie, die gerade von einem Erntedankfest im Nachbardorf zurückkommt. Die geschäftstüchtige Dame des Hauses überzeugt uns auch gleich davon, mit ihnen zurück zu ihrem Haus zu kommen, das – wie fast alle Häuser hier – ein einfaches Hostel ist.
Nachdem wir unsere großen Rucksäcke dort gelassen haben, ziehen wir gleich nochmal los. Wir haben schon die Musik von dem Fest gehört und wollen das Ganze aus der Nähe sehen. Das Fest findet unterhalb des kleinen Nachbardorfes statt, und es wird vor allem Musik gemacht, getanzt und getrunken – natürlich in den traditionellen Kleidern der Insel. Wobei einige der Männer auch einige Früchte, Brot und Süßigkeiten auf ihre Kleidung drapiert haben. Erntedank eben.
Danach drehen wir noch eine Runde durch die beiden Dörfer, bevor wir dann ein nettes kleines Restaurant finden, von dem aus wir den Sonnenuntergang über dem See bestaunen können.
Am nächsten Morgen geht’s dann weiter in den Norden der Insel. Nach dem Frühstück auf der sonnigen Terrasse unserer Unterkunft packen wir unsere Rucksäcke und ziehen los. Die Isla del Sol sieht ein bisschen aus wie ein langgezogener Berg, der sich von Süden nach Norden erstreckt. Wir laufen auf dem Scheitel dieses Berges nach Norden. Bei einer älteren Frau, die vor einer Hütte sitzt und mit selbst gesponnener Wolle schöne Sachen strickt, kaufen wir zwischendrin noch ein paar schöne Handschuhe. Ansonsten ist die Wanderung ein recht unspektakulärer, aber schöner Spaziergang, der viele schöne Blicke über den See und in die Berge Nordboliviens bietet.
Am Nachmittag kommen wir dann in dem kleinen Dorf Challapampa an, wo wir etwas außerhalb auch noch ein Zimmer in einem Hostel finden. Challapampa liegt wieder unten am Wasser auf der Ostseite der Insel. Vor dem Abendessen machen wir noch einen Spaziergang zu den etwas nördlicher gelegenen Stränden und steigen nochmal ein bisschen rauf, um den Sonnenuntergang über dem Titicacasee zu sehen.
Am nächsten Morgen gehen wir dann nochmal ein Stück weiter nach Norden, um die Ruinen von Chincana zu sehen – ein paar verschachtelte Gebäude und Kultstätten der Inka. Dabei treffen wir noch eine Gruppe deutscher Bergsteiger und kommen mit ihnen und ihrem Führer aus La Paz ins Gespräch. Der hat auch seine Quena – die Andenflöte – dabei und spielt uns zum Abschied noch ein Stück darauf. Nach einem kurzen Bad im kalten See müssen wir dann langsam wieder nach Challapampa, wo gegen Mittag unser Boot zurück nach Copacabana startet.
Copacabana
In Copacabana wollen wir dann Pedro noch segnen lassen, bevor es weiter nach La Paz geht. Und so fahren wir am Morgen mit ihm von unserem schönen Stellplatz beim Öko-Hostel außerhalb der Stadt rauf auf den Platz vor der großen Kirche und besorgen uns erstmal etwas Schmuck, um Pedro auf seine offizielle Segnung vorzubereiten. Es stehen auch schon einige andere Fahrzeuge für die Prozedur bereit – alle viel üppiger mit Blumen und Plastikzeug geschmückt für die Segnung. Und schließlich kommt ein Priester raus, der dann von Fahrzeug zu Fahrzeug geht und seinen Segen und etwas Weihwasser verteilt. Wir haben zwar nur noch gut 1.000 km mit Pedro vor uns, aber wir hoffen natürlich auch, dass seine neuen Besitzer genauso gut mit diesem grandiosen Reisemobil unterwegs sein werden wie wir in den letzten zwei Jahren.
Nach der Zeremonie sind wir noch ein bisschen in dem netten Städtchen unterwegs und kümmern uns dann noch um einen ganz speziellen Punkt: unseren Heimflug nach Deutschland. Spätestens am ersten Dezember werden wir Pedro wie ausgemacht an seine neuen Besitzer übergeben. Danach wollen wir aber noch ein bisschen in Südamerika bleiben, nochmal nach Iquique zum Fliegen und eventuell auch nochmal einen Ausflug zu den Wasserfällen von Iguazú machen. Aber irgendwann wollen wir dann ja auch mal wieder zurück nach Deutschland. Und so setzen wir uns am Abend nochmal vor unsere Rechner und schauen uns die Preise für die Rückflüge an. Da wir Pedro in Santiago de Chile übergeben werden und dort eventuell auch einen großen Teil unseres Gepäcks bei Claudia zwischenlagern können, ist relativ schnell klar, dass wir Südamerika von Santiago aus verlassen werden. Und nach einer Weile Suchen ist dann klar: Wir fliegen am 28.01.2025 wieder zurück nach Deutschland. Die Tickets sind dann schnell gebucht, aber es fühlt sich schon etwas komisch an, damit jetzt den Schlusspunkt unserer Reise nach insgesamt fast 30 Monaten auf dem Kontinent endgültig zu kennen.
Aber dann geht’s weiter nach La Paz. Wir freuen uns schon darauf, die Stadt, in der wir letztes Jahr über einen Monat verbracht haben, wiederzusehen. Entlang des Titicacasees geht es dann über schöne und gut asphaltierte Landstraßen zur Straße von Tiquina, einem schmalen Übergang über den See, den wir noch mit einer Fähre überqueren müssen. Und Fähre heißt hier wieder mal ein wild zusammengezimmertes Holzfloß mit Motor, auf das wir über ein paar schmale Holzplanken rauffahren. Es fühlt sich schon sehr spannend an, unser „Haus“ auf so ein Ding zu fahren. Aber hier werden täglich viele LKWs, Busse und Autos über den See gebracht, und so hoffen wir, dass wir auch heil wieder rüberkommen. Nach ein paar Minuten legen wir drüben an und können Pedro wieder auf das feste Ufer bringen.
Zurück nach La Paz
Akklimatisierung neben dem Huayna Potosi
Bevor es nach La Paz geht, wollen wir noch einen Abstecher nach Alto Miluni machen und dort den Berg Cima Charquini besteigen – einen relativ einfachen Berg mit etwa 5.400 Metern Höhe. Wir wollen uns hier schon mal akklimatisieren, um dann in ein paar Tagen den ähnlich hohen, aber deutlich anspruchsvolleren Pequeño Alpamayo zu besteigen.
Wir kommen pünktlich zum Sonnenuntergang nach Alto Miluni. Hier haben wir vor mehr als einem Jahr den Condoriri Trek beendet und waren auf dem Huayna Potosi, den man, als wir ankommen, im orangen Abendlicht am Ende des Tals gut sehen kann. Wir genießen den Sonnenuntergang und schwelgen ein wenig in Erinnerungen. Als wir das Tal etwas weiter herunterfahren, kommt auch noch ein Pärchen mit einer Herde Lamas von der Seite auf die Straße, was die Szenerie mit Pedro vor dem Huayna Potosi perfekt macht. Als es dann dunkel wird, kommen auch schnell viele Wolken und wir fahren ins Tal hinter und rauf in Richtung Refugio Vista Panoramica, wo wir uns einen Platz zum Übernachten suchen wollen. Oben ist es zwar eng, aber wir finden mit Hilfe des Hüttenwirtes und Bergführers Adrian noch ein halbwegs ebenes Plätzchen für Pedro. Bezahlen müssen wir nichts, meint der sehr nette Chef, aber wir können ja morgen nach unserer Tour bei seiner Frau Domi etwas essen und, wenn wir wollen, auch ein paar Artesanías kaufen. Die Tour, die wir morgen vorhaben, ist gerade auch ganz gut begehbar und auch der kleine Gletscher, über den wir müssen, ist leicht zu zweit machbar.
So geht’s am nächsten Morgen dann zum Sonnenaufgang los und erstmal eine ganze Weile entlang eines alten Kanals, der Frischwasser aus den Bergen ins Tal leitet, zu unserem eigentlichen Berg. Der ist heute leider komplett in Wolken, und auch vom Huayna Potosi sieht man nichts. So laufen wir durch Nebel und Schneetreiben zum Gletscher, an dem wir uns für ein paar hundert Meter anseilen, um dann wieder über Felsen zum Gipfel zu steigen. Auch hier leider gar keine Aussicht. Was soll’s, wir sind ja vor allem zum Akklimatisieren hier.
Als wir nachmittags zurückkommen, klopfen wir an der Hütte bei Pedro an, und Domi, die Chefin und ebenfalls Bergführerin, öffnet uns. Bei ihr bekommen wir eine leckere Suppe, bestaunen eine große Sammlung schöner Wollmützen und Handschuhe, die sie gestrickt hat und von denen wir ihr auch gerne einige abkaufen, und hören auch ihre für bolivianische Verhältnisse recht ungewöhnliche Geschichte.
Domi ist in der Gegend aufgewachsen und war immer schon viel in den Bergen unterwegs. Viele Männer in der Gegend sind schon seit langem als Köche, Träger oder Führer für Touristen unterwegs. So hat sie auch zunächst als Köchin und Mädchen für alles auf diversen Trekkingtouren gearbeitet. Aber irgendwann war ihr das nicht mehr genug, und sie hat angefangen, auch die höheren Berge der Umgebung mit anderen Frauen zu besteigen und schließlich auch ihre Dienste als Führerin anzubieten. Letztlich sind daraus die Cholitas Escaladoras hervorgegangen, eine inzwischen recht bekannte Gruppe von Bergsteigerinnen, die in der traditionellen Tracht der Cholitas die hohen Berge Boliviens, den Aconcagua – den höchsten Berg Südamerikas – und vielleicht auch bald den Mount Everest bestiegen haben. Auf unserer Tour auf den Huayna Potosi vor einem Jahr waren wir am Gipfel mit einer Gruppe spanischer Frauen, die von einer dieser Bergführerinnen auf den Gipfel geführt wurden. Domi ist zwar selbst nicht mehr so aktiv, aber zu Recht sehr stolz auf das, was sie mit ihren Freundinnen erreicht hat. Da wir auch erfahren, dass die Cholitas Escaladoras trotz internationaler Aufmerksamkeit – es gibt viele Berichte und Fernsehdokumentationen über sie – kaum über Sponsoren oder große finanzielle Mittel verfügen, versprechen wir ihr, ihnen unser Gletscherseil nach der Tour auf den Pequeño Alpamayo zu überlassen. Wir werden es dann in Südamerika nicht mehr benötigen.
Karte, Tour auf den Charquini:
Nach La Paz
Nach dieser sehr interessanten Begegnung geht es dann aber für uns nach La Paz. Wir fahren durch das Tal von Alto Miluni wieder zurück nach El Alto und dann runter in die wilden Straßen von La Paz. Auf der anderen Seite des Kessels müssen wir dann wieder rauf, um nach Las Lomas zu kommen, dem Stellplatz, an dem wir letztes Jahr so eine gute Zeit mit vielen netten Freunden verbracht haben. Und kurz vor dem Ziel scheint es fast so, als müssten wir Marcos, den Besitzer des Platzes, noch um Abschlepphilfe für die letzten fünfhundert Meter bitten. Es ist einfach richtig steil hier rauf, und wir sind immer noch weit höher als die Zugspitze, wodurch Pedro noch weniger Kraft hat als sonst. Aber schließlich schaffen wir es noch in mehreren Anläufen und mit viel Kupplungseinsatz über die steilste Stelle und stehen kurz danach wieder vor dem Tor von Las Lomas. Es gibt ein freudiges Wiedersehen mit Marcos und wir begrüßen die anderen Reisenden auf dem Platz. Alles hier ist so vertraut, dass es ein bisschen ein Gefühl von Wieder-heimkommen gibt. Aber mit Ausnahme von Marcos sind all unsere Nachbarn vom letzten Mal natürlich nicht da.
Wir sprechen mit Marcos über seine Pläne, eine Reise durch Südamerika mit seiner Familie zu machen. Er empfängt hier seit einigen Jahren Reisende, die mit Wohnmobilen oder Motorrädern durch Südamerika unterwegs sind. In seinem früheren Job hat er Filmproduktionen begleitet, die in den Bergen und Wüsten von Bolivien und den angrenzenden Ländern gefilmt haben. Er war zuständig für die Bereitstellung der Fahrzeuge und Verpflegung der gesamten Crew und dabei mit vielen Hollywood- und Bollywood-Teams unterwegs. Aber jetzt würde er gerne selbst mit seiner Frau und den zwei Kindern auf dem Kontinent reisen und ist deshalb auch gerade dabei, einen alten Touristenbus mit Hilfe seines guten Freundes Carlos zum großen Wohnmobil umzubauen. Und in knapp zwei Monaten soll es dann losgehen. Für etwa ein Jahr will die Familie durch Südamerika reisen, während Carlos und seine Frau sich um Las Lomas – den Campingplatz – kümmern werden.
Aber Marcos erzählt auch von den Zuständen in Bolivien. Er ist hier aufgewachsen und liebt sein Land und die Menschen hier sehr, aber im Moment ist er sehr verärgert über die Zustände. Der ehemalige Präsident Evo Morales und seine Anhänger blockieren gerade mit Straßensperren die Stadt Cochabamba: Autos und LKWs kommen weder in die Stadt noch heraus, nur mit dem Flugzeug ist die Stadt noch erreichbar. Auch Carlos und seine Frau kommen aus der Stadt und können seit Wochen nicht mehr nach Hause zu ihren Familien. Deshalb leben sie gerade auch hier bei Marcos in La Paz. Aber auch im Rest des Landes herrscht Chaos. Es gibt viele Straßensperren und Kraftstoff ist überall Mangelware. Das ist natürlich nicht nur die Schuld von Morales und seinen Anhängern, sondern die Folge jahrelanger Misswirtschaft und viel zu vieler Subventionen, die niemand mehr zurücknehmen will, um keine Wähler zu verprellen. Auch wir müssen überlegen, ob wir bei unserem ursprünglichen Plan bleiben, durch Bolivien Richtung Süden nach Argentinien zu fahren. Wir haben zwar zusätzlich zu unserem fast vollen Tank noch 60 Liter Diesel in Ersatzkanistern, aber ob wir damit bis Argentinien kommen, ist nicht ganz sicher. Und wir hören von Leuten, die auch mal mehr als 24 Stunden auf Diesel warten müssen. Eigentlich nicht so schlimm, wenn man Zeit hat, aber wir haben auch noch einen Termin bei Guillermo in Salta, um Pedro noch weiter herrichten zu lassen.
Aber erstmal wollen wir nochmal La Paz genießen und den Pequeño Alpamayo besteigen. Am nächsten Tag haben wir noch Pause, aber da die Stadt durch Blockaden der öffentlichen Verkehrsmittel inklusive Taxis und Collectivos am Tag nach unserer Ankunft komplett lahmgelegt wird, beschließen wir, einfach auf Las Lomas zu bleiben und den Tag für andere Dinge zu nutzen. Und dann geht’s los zur Bergtour auf den Pequeño Alpamayo.
Auf den Pequeño Alpamayo
Wir wollten die kurze Zeit hier nutzen, um noch einmal einen höheren Berg in Bolivien zu besteigen. Natürlich gäbe es auch noch einige interessante Sechstausender hier, aber einen sehr schönen Berg haben wir letztes Jahr schon gesehen und uns jetzt ausgesucht. Der Pequeño Alpamayo liegt in der Condoriri-Gruppe, die wir im letzten Jahr schon durchschritten haben. Auf dieser Tour haben wir auf dem Pico Austria – unserem Akklimatisierungsberg für den Huayna Potosi – den Bergführer Ovidio aus El Alto getroffen und sind mit ihm in Kontakt geblieben. Er hat auf uns schon, als wir ihn zum ersten Mal trafen, einen sehr professionellen Eindruck gemacht, und so haben wir ihn gefragt, ob er uns auf den für uns durchaus anspruchsvollen Berg führen würde. Und so fahren wir dann mit Collectivo und Seilbahn nach El Alto, wo wir unseren Guide treffen und mit ihm zum Ausgangspunkt in der Condoriri-Gruppe fahren.
Von dort geht es dann in etwa zwei Stunden zu Fuß zur Laguna Chiar-Khota, wo wir in derselben Hütte übernachten wie bereits im letzten Jahr. Dort treffen wir dann am Abend auch Kai und Lea aus Deutschland. Die beiden übernachten mit ihrem Guide in der Hütte nebenan und sind gerade auf dem Condoriri-Trek unterwegs – also genau wie wir im letzten Jahr. Wir quatschen ein bisschen über unsere Reisen, und als ich kurz danach nochmal mit zwei Aufklebern von Pedro-on-Tour zurückkomme, erzählen sie, dass sie unseren Blog schon kennen und schon überlegt hatten zu fragen, ob wir das sind. Sie haben tatsächlich durch den Bericht auf unserem Blog beschlossen, den Condoriri-Trek zu gehen und uns dann witzigerweise genau hier auch noch getroffen. So klein ist die Welt.
Nach einem kurzen Abendessen geht’s dann aber gleich ins Bett. Der Wecker wird auf kurz nach ein Uhr gestellt, damit wir frühzeitig loskommen. Und so starten wir gegen zwei Uhr morgens. Zunächst geht es entlang der Lagune und dann über eine große Wiese rauf zum Gletscher. Nach einer guten Stunde legen wir die Steigeisen an und steigen über den weiten Gletscher etwa zwei Stunden rauf zu den ersten Felsen des Cerro Tarija. Von hier an geht es dann in leichter Kletterei weiter auf den Gipfel des Cerro Tarija. Auf der anderen Seite steigen wir über Felsblöcke und schöne Kamine dann in der Dämmerung ab, um dann in einem Sattel unterhalb des Pequeño Alpamayo die ersten Sonnenstrahlen mit einem gigantischen Sonnenaufgang neben unserem heutigen Gipfelziel zu erleben.
Und dann geht es auf den Grat, der letztlich zum Gipfelaufbau des Berges führt. Das ist eigentlich ein schöner Firngrat, der angeblich recht einfach zu begehen ist. Aber wir sind außerhalb der Saison unterwegs, und aktuell ist es ein ziemlich hart gefrorener Eisgrat mit einer dünnen Schicht angefrorenen Schnees obenauf. Ovi, unser Guide, steigt trotzdem sehr sicher und routiniert über den Grat und eine kleine Stufe rauf und baut dann mit zwei Eisschrauben einen Standplatz, bevor er uns nachkommen lässt. Ovi hat die offizielle bolivianische Führerausbildung gemacht und ist gerade dabei, die Ausbildung zum UIAA-zertifizierten Führer zu machen – also die Ausbildung, die auch bei uns als Standard für professionelle Bergführer gilt. Und er führt und sichert – soweit wir das beurteilen können – auch absolut professionell. Und so steigt erst Delphine und kurz danach auch ich auf den Grat und fange an, ihn raufzusteigen. Ich merke aber ziemlich schnell, dass ich mich nicht so ganz wohl fühle hier. Es geht ganz schön steil zu beiden Seiten runter – ohnehin nicht mein Spezialgebiet – und meine Steigeisen und mein Pickel sind eigentlich eher für relativ flache Gletscher und nicht für steileres Eis gemacht. Als wir dann an eine kleine Stufe kommen, an der auch Delphine, die hier entschieden besser klettert als ich, etwas unsicher ist, will ich erstmal lieber wieder runter. Aber Ovi meint, es ist nur noch diese Stufe und danach viel einfacher. Und zurück können wir ja auch einfach abseilen. Und so gebe ich mir einen Ruck und komme ganz gut über die Stufe. Und oben geht es dann über flacheres Eis und mit etwas Felskletterei auf den Gipfel, den wir um kurz nach sieben Uhr erreichen.
Das dürfte unsere anspruchsvollste Bergtour in Südamerika gewesen sein. Der Berg ist für geübte Bergsteiger sicherlich auch in diesem Zustand relativ gut zu besteigen, aber für uns wäre es ohne die Hilfe von Ovi sicherlich nicht möglich gewesen. Und so genießen wir den Ausblick auf die umliegenden Fünf- und Sechstausender – wir sind hier auf 5.300 Metern über dem Meeresspiegel – und machen einige Bilder mit unseren Kameras und Delphines Drohne, bevor wir uns dann wieder an den Abstieg machen.
Der ist dann durch das Abseilen über den eisigen Grat ziemlich einfach. Auf der anderen Seite steigen wir dann nochmal auf den Cerro Tarija, wo Ovi sein Gipfelbier öffnet, das uns am Hauptgipfel zu heftig war.
Danach geht es dann wieder runter auf den Gletscher, und wir sehen die gigantischen Spalten, durch die wir in der Nacht aufgestiegen sind, jetzt nochmal in voller Größe und haben auch etwas mehr Zeit, um ausgiebig zu genießen und Bilder zu machen. Aber schließlich müssen wir ganz runter und sind mittags wieder an der Hütte, wo wir unsere Übernachtungssachen packen und dann zusehen, dass wir runterkommen. Das Wetter wird deutlich schlechter, und schließlich steigen wir bei heftigem Schneeregen und Schnee runter zur Straße, wo Ovis Auto vor einem kleinen Bauernhof geparkt ist.
Bevor wir zurückfahren, kauft mir der Besitzer des Hofes noch meine Steigeisen und meinen Pickel ab. Er hat schon gestern von Ovi erfahren, dass wir gerne Teile unserer Ausrüstung verkaufen würden, und möchte die Steigeisen für seinen Sohn haben, damit der auch mal mit ihm in die Berge kann.
Auf dem Weg zurück verhandelt Ovi dann noch sehr ausdauernd mit Delphine und kauft schließlich ihren Pickel für sich und ihre Schuhe, ihre Steigeisen und ihren Helm für seine Frau. So kann Delphine ihren ehemaligen Pickel jetzt regelmäßig in Bildern von Ovi auf den Sechstausendern Boliviens sehen, und wir haben vor allem wieder ein bisschen weniger Gepäck für die Rückreise.
Der Pequeño Alpamayo war für uns nochmal ein sehr schöner Abschluss für die Zeit in Bolivien. Aber uns ist auch klar, dass es im Norden Boliviens noch unzählige schöne Berge zu besteigen und viele Mehrtagestouren zu wandern gäbe. Sollte jemand das hier lesen und einen guten und sehr sympathischen Bergführer für Bolivien suchen, geben wir auch gerne Ovis Nummer weiter. Wir können ihn wirklich uneingeschränkt weiterempfehlen.
La Paz und Abschied von Bolivien
Wir verbringen noch ein paar Tage in La Paz. Als wir auf dem Berg waren, hat Marcos einen Ölwechsel an Pedro gemacht und festgestellt, dass das alte Öl, das wir seit Kolumbien gefahren haben, extrem zähflüssig war. Deshalb ist Pedro wohl bei sehr kalten Temperaturen und vor allem in großer Höhe in Peru auch öfter so schlecht angesprungen. Dummerweise hat Marcos auch gesehen, dass die Dichtung zwischen Motor und Getriebe nicht mehr dicht ist. So müssen wir die wohl auch in Salta bei Guillermo noch reparieren lassen. Bei ihm haben wir ja ohnehin in ein paar Tagen schon einen Termin. Doch davor sind wir nochmal drei Tage hier, sehen uns noch ein paar Ecken von La Paz an, die wir noch nicht kennen, genießen ein gutes Frühstück in unserem Stammcafé und kaufen eine Menge Souvenirs ein. Und dann nehmen wir schließlich Abschied von Marcos, den wir diesmal noch etwas besser kennengelernt haben, und starten unsere Fahrt in Richtung Chile.
Chile? Ja, wir haben beschlossen, nicht in Richtung Süden durch Bolivien nach Argentinien zu fahren, sondern direkt am Sajama vorbei nach Chile und über Iquique an der Küste entlang nach San Pedro de Atacama und dann über die Grenze nach Argentinien. Alles Strecken, die wir bereits kennen. Wir hätten gerne noch ein bisschen mehr vom Süden Boliviens kennengelernt, aber die Situation mit der Spritversorgung ist uns dann doch zu kritisch.
So fahren wir aus La Paz raus und sind nach ein paar Stunden an einem schönen Platz mit Sicht auf den Sajama, wo wir die Nacht verbringen.
Am nächsten Morgen geht’s weiter zur chilenischen Grenze, wo wir etwas bangen, ob es mit meinem fehlerhaften Reisepass gut geht. Aber es scheint niemandem aufzufallen, dass in Pedros Papieren und dem Pass mein Nachname unterschiedlich geschrieben ist. Unseren Blumenschmuck, der noch von der Zeremonie in Copacabana am Kühlergrill hängt, müssen wir bei der Kontrolle abgeben. Es könnten ja irgendwelche Bakterien oder Insekten dranhängen, die sie in Chile nicht wollen.
So verlassen wir also zum letzten Mal schweren Herzens Bolivien. Ein sehr schönes Land in den Bergen Südamerikas, das so viele unterschiedliche Menschen, Landschaften und Lebensweisen hat und in dem wir uns extrem wohlgefühlt haben. Und wir können uns gut vorstellen, irgendwann wiederzukommen, um vor allem noch mehr von den schönen und weiten Berglandschaften hier kennenzulernen.
Durch den Norden Argentiniens
Durch Chile fahren wir diesmal für unsere Verhältnisse sehr schnell. Wir verbringen nur zwei Tage in dem Land und fahren an einem davon unsere längste Tagesetappe der Reise mit über 750 km.
Die Gegend um San Pedro de Atacama und durch die Hochwüste von Argentinien genießen wir aber auch diesmal wieder sehr.
Kurz nach San Pedro geht es wieder ziemlich weit rauf in die Berge. Hier haben wir letztes Jahr mit Katja und Julian den Cerro Toco bestiegen. Pedro fährt – wie immer auf solchen langen und steilen Anstiegen in großer Höhe – auf Anschlag im zweiten Gang rauf. Irgendwann müssen wir dann aber mal eine Pause einlegen, damit er abkühlen kann.
Auf dem Halteplatz für LKW, auf dem wir anhalten, steht schon ein kleiner Mercedes-LKW mit einem bunten Häuschen hinten drauf. Wir haben schon von Klaus gehört, dem Fahrer dieses sehr speziellen Wohnmobils. Aber hier treffen wir den deutschen Reisenden jetzt zum ersten Mal. Er wurde uns als sehr nett und hilfsbereit beschrieben, dazu sein Auto, das an den Bauwagen von Peter Lustig erinnert. Während Pedros Motor abkühlt, kommen wir mit Klaus ins Gespräch. Also eher spricht Klaus mit uns. Wir kommen nicht so viel zum Sprechen. Er hat hier angehalten, um zu sehen, ob es zwischen den Resten der verschiedenen LKW, die hier liegen – die lange Abfahrt führt immer wieder zu Bremsversagen und schweren Unfällen mit LKWs – nach Dingen gibt, die er noch irgendwie brauchen kann. Und er findet scheinbar viele Sachen unterwegs. Er reist zwar allein und hat in seinem LKW schon ganz gut Platz, schleppt aber trotzdem einen Hänger hinter sich, in dem eine Menge brauchbares und – aus unserer Sicht – unbrauchbares Zeug verstaut ist. Aber jeder wie er es für richtig hält. Wir haben schon gehört, dass er einigen Leuten unterwegs bei diversen Reparaturen geholfen hat. Klaus ist sehr nett, aber da er mit dem Erzählen nicht zum Ende kommt, verabschieden wir uns nach einer Weile und fahren weiter. Delphine versucht verschiedene Manöver, um Pedro trotz der Steigung wieder in den zweiten Gang zu bekommen. Einfach rauf schalten geht nicht, dann bleibt er gleich wieder stehen auf der Steigung hier. Also fährt sie sich einen breiteren Parkplatz erst bergab und versucht unten mit Schwung zu drehen und gleichzeitig in den zweiten Gang zu schalten. Aber es klappt nichts, und so fahren wir dann sehr gemütlich im ersten Gang weiter rauf. Und nach ein paar weiteren Kühlstopps kommen wir schließlich wieder in flachere Gegenden und genießen es, im ruhigeren zweiten Gang weiter tuckern zu können.
Wir machen ein paar Stopps unterwegs in dieser grandiosen Landschaft, die wir letztes Jahr schon mal ausführlich bereist haben, aber wir wollen auch noch über die Grenze zu Argentinien, und so geht es nach der Hochebene bald wieder etwas runter und dann zur Grenze. Hier treffen wir auch Klaus wieder, der auch gleich wieder zu erzählen anfängt. Es scheint, als braucht er dringend mal wieder jemanden, dem er auf Deutsch erzählen kann.
Der Grenzübergang an sich läuft unkompliziert und – für südamerikanische Verhältnisse – schnell ab. Ich bin natürlich etwas nervös wegen meines nicht ganz korrekten Reisepasses, aber das fällt hier keinem auf, und so fahren wir am späten Nachmittag noch ein Stück, bevor wir, nicht weit von der Straße, einen schönen Platz in der Wüste sehen und dort zum Übernachten bleiben. Die Fahrt durch Chile war unser kürzester Aufenthalt in dem Land. Nur zwei Nächte waren wir diesmal dort und haben dabei unseren Tagesstreckenrekord mit Pedro aufgestellt: über 700 km an einem Tag. Mit einem normalen Auto in Europa eine Sache von ein paar Stunden. Mit einem halbwegs schnellen Wohnmobil in Südamerika auch nichts Außergewöhnliches. Für uns mit Pedro aber eben schon ein ganz schönes Stück.
Kurz nachdem wir anhalten, kommt auch noch Klaus mit seiner fahrenden Villa Kunterbunt zu uns, und wir übernachten nebeneinander in der Wüste Argentiniens.
Am Morgen verabschieden wir uns von Klaus und fahren über einige sehr kurvige und schöne Passstraßen und nochmal entlang des großen Salzsees – Salinas Grandes – runter nach Purmamarca, wo wir auch letztes Jahr ein paar schöne Tage verbracht haben. Diesmal machen wir nur einen kurzen Stopp für die Mittagspause und um bei Western Union etwas Geld zu besorgen, dann geht’s weiter in Richtung Salta.
Und so fahren wir spätnachmittags dann durch den Regen in Richtung Salta, wo wir abends schon von Anja, Bernhard, Mathias und Silvia erwartet werden. Wir stehen wieder auf dem Campingplatz am riesen Freibad – Camping Balneario – und unsere Freunde haben schon ein schönes Asado zum Abend vorbereitet. So verbringen wir wieder mal einen schönen Abend mit Reisefreunden und haben einiges zu erzählen, was die letzten Wochen so passiert ist. Und später machen wir noch etwas Musik zusammen.
Wir haben schon vor zwei Wochen einen Termin in Salta ausgemacht. Zum einen wartet hier in der Werkstatt von Guillermo schon der Wärmetauscher für Pedros Heizung, der seit Monaten Kühlwasser verliert und leider nicht mehr dicht zu bekommen war. Zum anderen haben wir in La Paz von Marcos erfahren, dass die Dichtung zwischen Motor und Getriebe nicht mehr richtig dicht ist. Deshalb verlieren wir immer wieder etwas Öl. Da wir Pedro in möglichst gutem Zustand an seinen nächsten Besitzer übergeben wollen, möchten wir das alles hier noch reparieren lassen. Wir wissen vom letzten Jahr, dass Guillermo und seine Leute sehr gute Arbeit machen, und wollen hier alles nochmal durchschauen lassen und was wir nicht selbst machen können gleich machen lassen. Aber da wir schon samstags in Salta angekommen sind, gibt’s morgen erstmal noch einen Pausentag.
Am Montag fahren dann unsere Freunde weiter und wir in die Werkstatt. Da der Motor und das Getriebe komplett raus müssen, wird es diesmal auch wieder ein längerer Termin. Schließlich müssen die Teile erst raus, bevor wir dann immer mit dem defekten Teil in das Stadtviertel mit den Ersatzteilläden gehen und uns dort von Laden zu Laden durchfragen, bis wir jemanden finden, der das richtige Teil hat. Bei der Gelegenheit wird auch noch die Kupplung und einige Gelenke vom Fahrgestell runderneuert. Bei uns ist das nicht mehr vorstellbar, aber hier wird einiges nicht einfach getauscht, sondern z. B. auf die Kupplungsscheibe einfach ein neuer Belag aufgebracht. Ist nachhaltig und funktioniert auch ziemlich gut. Letztlich verbringen wir zwei Nächte in der Werkstatt von Guillermo, und dann ist Pedro in einem besseren Zustand als wir ihn je zuvor kannten. Er läuft vor allem viel ruhiger als je zuvor, weil die Traggelenke jetzt kein Spiel mehr haben. Danach übernachten wir noch einmal auf dem großen Campingplatz, und dann geht’s weiter nach Süden. Wir wollen uns auf jeden Fall noch die Gegend um Cafayate ansehen, die sehr schön sein soll. Beim letzten Mal sind wir oben durch die Puna nach Salta gefahren und haben diesen ebenfalls sehr schönen Teil Nordargentiniens ausgelassen.
Cafayate und Umgebung
So verlassen wir Salta in Richtung Süden. Zunächst ist die Gegend um uns herum noch geprägt von Landwirtschaft, doch dann kommen wir in die Quebrada de las Conchas. Hier führt der Río de las Conchas durch ein rötliches Gebirge, in dem sich enge Schluchten und weite Talebenen abwechseln. Es ist eine wunderschöne Mischung aus rötlichem, wüstenhaftem Gestein und grünen Pflanzen entlang des Flusses.
Wir fahren zunächst zu Garganta del Diablo, einer tiefen Schlucht, die sich neben der Straße in einen der riesigen Felsen zieht. Am Durchgang zu der Schlucht gibt es jede Menge Leute und Stände mit – teils sehr schönen – Souvenirs. Die meisten der Besucher bleiben am Anfang der Schlucht und begnügen sich mit dem Blick nach hinten, wo es in einigen steileren Felsstufen nach oben geht. Wir sind neugierig und kraxeln rauf und letztlich bis ans Ende der Schlucht. Es ist ein faszinierender Riss, der sich hier im Berg gebildet hat und in den man einfach reinspazieren kann.
Danach wollen wir noch zum Anfiteatro. Wieder eine Art Schlucht, aber diesmal ist der Boden ziemlich eben, und nach dem engen Durchgang weitet es sich wie ein natürliches Theater. Daher auch der Name. Wir treffen noch zwei Straßenmusiker, mit denen wir eine Weile quatschen, und danach sind irgendwie alle weg, und wir beschließen, einfach gleich hier zu übernachten.
Am nächsten Morgen geht’s nach dem Frühstück weiter durch diese unwirklich anmutende Landschaft, die sich sicher nicht vor dem Vergleich mit den bekannten Canyons der USA scheuen muss. Wir machen mehrere Stopps und einige kleinere Spaziergänge durch die skurrilen Felsen. Als wir am Sendero los Estratos unterwegs sind, ziehen im Norden auch noch sehr dunkle Wolken auf. Wir denken schon, es würde bald regnen, aber das Wetter bei uns bleibt sonnig, und die Felsen vor den dunklen Wolken wirken jetzt noch bunter.
Als wir zurückkommen, sehen wir schon von weitem einen bunten LKW bei Pedro stehen. Klaus, den wir vor einer Woche bei San Pedro kennengelernt haben, ist auch hier. Delphine ist nicht sehr motiviert, sich seine – zugegebenermaßen etwas wirren – Storys anzuhören, und macht etwas zu essen in Pedro, während Klaus mir ausführlich berichtet, was er die letzte Woche gemacht hat und was er die nächsten Wochen so vorhat.
Danach geht es noch ein Stück weiter durch die Schlucht, bis wir kurz vor Cafayate rechts abbiegen, um zu Antonio zu fahren.
Von Antonio hatten wir schon von verschiedenen Freunden gehört und wollen gerne morgen mit ihm einen Reitausflug in der Gegend machen. Wir haben ihn vorher kontaktiert und können direkt bei ihm vorm Haus übernachten. Das ist sehr schön an der kleinen Straße durch das Nebental gelegen, und wir verbringen den Abend damit, seine Pferde – ein Fohlen ist vor drei Tagen erst geboren – und die anderen Tiere der Familie zu beobachten.
Am Morgen geht’s dann wieder mal auf einen Pferderücken. Aber diese Pferde sind es offensichtlich gewöhnt, Touristen zu tragen, die nicht reiten können. Und so geht es recht gemütlich nach Norden, wo wieder mal bizarr geformte Felsschluchten zu finden sind. Und in eine davon reiten wir direkt rein, soweit es geht, um dann die letzten hundert Meter noch zu Fuß weiterzugehen, bis wir am Ende des Felslabyrinths sind, wo es um uns herum überall nur noch senkrecht hoch geht. Und oben, zwischen den roten Felswänden, sieht man dann teilweise den blauen Himmel leuchten.
Nach dem Ausflug verabschieden wir uns von Antonio und fahren das letzte Stück nach Cafayate. Hier dominiert dann entlang der Ruta Nacional 68 wieder die Landwirtschaft und vor allem der Weinanbau. Cafayate ist auch als Weinstadt bekannt, und wir wollen natürlich auch was davon probieren. Aber zuerst halten wir an einer Eisdiele, die laut Aushang schon alle möglichen Auszeichnungen bekommen hat, und probieren Rotweineis. Das wird jetzt nicht gerade mein Lieblingseis, aber es ist schon mal ganz lecker. Danach schlendern wir ein bisschen durch die Stadt und suchen uns schließlich am Abend ein Restaurant zum Essen und Wein probieren. Praktischerweise können wir direkt neben dem Restaurant auch gleich übernachten, und am nächsten Morgen – nach einer etwas ausgiebigeren Souvenireinkaufstour – unsere Fahrt nach Süden fortsetzen.
Karte, Reitausflug mit Antonio:
Über den Paso San Francisco nochmal entlang der Sechstausender der Anden
Unser nächstes Ziel ist der etwa 4.800 m hoch gelegene Paso San Francisco. Dieser bildet einen weiteren spektakulären Übergang über die Anden. Mit Wüstenhafter Landschaft, türkisen Lagunen und einigen Sechstausendern wollen wir uns diese wahrscheinlich letzte Möglichkeit nochmal ganz hoch in die Anden zu kommen nicht entgehen lassen. Außerdem möchten wir eventuell noch den Nevado San Francisco besteigen. Ein einfacher Wander-Sechstausender der mehr oder weniger direkt vom Pass aus bestiegen werden kann. Die Straße zum Pass ist nach unseren Informationen gut befahrbar und auch nicht sehr steil und so spricht nichts dagegen Argentinien dort hoch in den Anden ein letztes mal zu verabschieden.
Das einzige Problem ist die Tatsache, dass der Grenzübergang auf der argentinischen Seite etwa 50 km von dem auf der chilenischen Seite entfernt ist und es keine richtig genauen Informationen gibt wann die Übergänge geöffnet sind. Nach dem was wir wissen, können wir aber über die argentinische Grenze ausreisen, dann ein paar Tage im Niemandsland bleiben und dann nach fünf Tagen auf der anderen Seite nach Chile einreisen. Also wollen wir es einfach mal probieren. Ein paar Tage Puffer haben wir auch noch.
Aber erstmal müssen wir noch ein ganzes Stück nach Süden. Dabei kreuzen wir auch unseren alten Weg mal wieder. Hualfin, Belen, Londres, diese Strecke sind wir vor eineinhalb Jahren schon mal in der anderen Richtung gefahren. Und so peilen wir nach einigen Stunden Fahrt – ein ganzes Stück davon durch einen ziemlich dichten Sandsturm – auch wieder die kleine Lehmkirche bei El Puesto an, bei der wir im Juni 2023 schon mal übernachtet haben.
Am nächsten Tag fahren wir dann wieder durch das Dörfchen Fiambala, in dem uns letztes Jahr der Mechaniker Eduardo mit Pedro geholfen hat während wir vom Rest der Familie wie Gäste aufgenommen wurden. Und wir beschließen auch den kleinen Umweg ins Dorf zu machen und kurz Hallo zu sagen. Aus dem kurzen Besuch wird dann doch ein ganzes Mittagessen und wir erfahren wie es der Familie im letzten Jahr erging. Eduardo hatte leider ziemlich schwere gesundheitliche Probleme, ist aber langsam wieder auf dem Weg der Besserung und kann auch wieder arbeiten. Nach dem Essen verabschieden wir uns dann aber von der sehr netten Familie um noch ein Stück in die Berge hoch zu fahren.
Beim ersten Mal in dieser Gegend wollten wir mit Pedro zum fast 4.500 m hohen Balcon del Pissis rauf fahren. Wir hatten aber noch keine Ahnung wie Pedro sich auf der Höhe verhält und außerdem haben wir nicht beachtet, dass auch wir in der dünnen Luft Probleme bekommen, wenn wir nicht wenigstens ein bisschen akklimatisiert sind. Damals sind wir nach einer Nacht auf unter 2.000 m Höhe direkt rauf auf deutlich über 4.000 m Höhe. Das ist Delphine nicht besonders gut bekommen und deshalb sind wir am nächsten Morgen direkt wieder runter.
Diesmal wollen wir etwas länger in der Höhe bleiben und auch gerne noch einmal über 6.000 Meter steigen. Deshalb fahren wir erstmal zu einem schönen Plätzchen auf etwa 3.400 Metern Höhe bei Pastos Largos, wo wir am Nachmittag unser Lager aufschlagen. Am Abend gibt’s noch ein schönes Feuer und am nächsten Tag starten wir auch erst gegen Mittag um bei Las Grutas, kurz vor dem Grenzübergang nochmal zwei Nächte zu verbringen.
Aber schon auf dem Weg dahin kommen wir kaum vorwärts. Wir sind wieder mal in einer dieser unglaublich schönen, trockenen Hochgebirgslandschaften der Anden die vor allem von Vulkanen und buntem Gestein, aber dazwischen auch immer wieder von flachen Bächen, grünen Pflanzen und vielen Tieren – Guanacos, Vicunas, Flamingos und vielen anderen – dominiert sind.
Von unserem Posten bei der Grenze machen wir am nächsten Tag eine kleine Bergtour auf den etwa 4.500 Meter hohen Falso Morocho, der eine super Aussicht auf die umliegenden Berge und auch den Nevado San Francisco bietet. Danach sollten wir jetzt eigentlich auch wieder fit für den geplanten 6.000er sein.
Aber erstmal genießen wir noch in Ruhe die Gegend hier. Beobachten die Tiere und schauen uns noch ein wenig die wilde Gegend hier an, bevor wir dann offiziell zum vermutlich letzten Mal mit Pedro aus Argentinien ausreisen und die restlichen Kilometer zur Passhöhe rauffahren.
Oben am Pass sehen wir dann rüber zu den großen Bergen auf der chilenischen Seite. Hier steht auch der mit 6.893 Metern Höhe zweithöchste Berg Südamerikas, der Nevado Ojos del Salado. Dieser ist allerdings nicht ganz so einfach zu erreichen und eben auch nochmal fast 900 Meter höher als der direkt neben uns aufragende Nevado San Francisco den wir morgen oder übermorgen besteigen wollen.
Davor fahren wir aber erstmal auf der anderen Seite wieder runter zur im kitschigsten Türkis leuchtenden Laguna Verde. Hier können wir direkt am Ufer stehen und haben die Möglichkeit entweder in zwei kleinen Freiluftbecken im warmen Wasser zu baden, oder in einer wild gebastelten kleinen Hütte in der es ein Betonbecken mit demselben Wasser gibt, dass hier schön warm aus dem vulkanischen Boden kommt. So fällt es nicht schwer hier auch mal wieder ein bisschen Zeit zu verbringen.
Am nächsten Morgen beschließen wir den direkt neben uns gelegenen Cerro Mulas ein bisschen hoch zu steigen. Ganz rauf ist es uns zu kalt und vor allem zu windig. Delphine hat nach einer Weile keine Lust mehr sich im Wind weiter zu kämpfen, ich gehe noch weiter bis auf etwa 5.000 Meter Höhe und dann gehen wir wieder runter und genießen den Abend an der Laguna Verde.
Am Abend fahren wir dann wieder hoch zum Pass, um direkt am Ausgangspunkt für die Tour auf den Nevado San Francisco zu übernachten.
Am nächsten Morgen geht es dann sehr früh los. Wir kommen gut voran und überholen unterwegs noch ein Gruppe Argentinier die wir vor ein paar Tagen schon mal getroffen haben. Weiter oben treffen wir dann noch zwei weitere Männer aus Buenos Aires die wir vor vier Tagen kennen gelernt haben. Einem von den beiden geht es hier in der Höhe gar nicht gut, aber er kämpft sich tapfer weiter rauf. Irgendwann werden wir dann auch langsamer, aber da haben wir schon den größten Teil geschafft und müssen nur noch etwa 200 Höhenmeter aufsteigen bis wir auf dem flachen Gipfel sind. Die Tour ist eine einfache Wanderung, aber die Höhe spürt man halt schon, Dafür werden wir belohnt mit gigantischen Ausblicke über die umliegenden Berge und zu unserer Lagune.
Nach einer guten Stunde Mittagspause machen wir uns dann wieder auf den Rückweg. Im Abstieg etwas unterhalb des Gipfels treffen wir die zwei aus Buenos Aires wieder. Immer noch sehr langsam aber stetig steigen sie höher und sind sicherlich dann auch bald am Gipfel. Noch deutlich weiter unten, und schon recht spät für diese Höhe, treffen wir die anderen Argentinier, die auf jeden Fall auch noch bis ganz oben wollen. Wir kommen am frühen Nachmittag wieder ziemlich erschöpft bei Pedro an, fahren zurück zur Laguna Verde und genießen den faulen Nachmittag.
Am Abend will ich mal wieder Risotto kochen. Mir ist auch bewusst, dass das in dieser Höhe auf Grund der niedrigeren Kochtemperatur des Wassers etwas länger dauern könnte. Als aber nach über eineinhalb Stunden kochen der Reis immer noch recht knackig ist gebe ich es auf. Es muss dann eben so gegessen werden.
Am nächsten Morgen gehen wir nochmal in der Therme baden und machen uns dann langsam auf den Weg hinaus aus den Bergen in Richtung Küste.
Und bevor wir die Berge wirklich verlassen – wir müssen ja noch über 4.000 m runter fahren um die Anden wirklich zu verlassen, gibt es noch eine ganze Menge schöner Dinge zu entdecken. Weitere Berge, ein wilder Fluß der mitten durch die Wüste fließt, den Salar de Maricunga und vieles mehr. Und dann müssen wir ja noch offiziell nach Chile einreisen. Wir hatten gehört, dass die Grenze am 19ten November wieder offen haben soll, aber am 18ten überholen uns ziemlich viele Autos und auch zwei Busse. Das ist etwas sonderbar und wir beschließen vorsichtshalber auch mal zur Grenze zu fahren um zu sehen was da los ist. Und tatsächlich wurde heute einen Tag eher geöffnet, weil eine Gruppe Schüler rüber musste. Weder im Internet noch auf dem extra von der chilenischen Grenzbehörde eingerichteten WhatsApp Kanal war davon vor sechs Tage etwas zu lesen. Wir sind also froh, dass wir es überhaupt mitbekommen haben, sonst hätten wir nochmal vier Tage hier warten müssen. Mit relativ wenig Wasser und Essen. Aber so kommen wir gerade noch vor Feierabend rüber. Und wieder mal fällt keinem auf, dass mein Name im Reisepass anders geschrieben ist als in den Fahrzeugpapieren von Pedro. So können wir dann am Abend noch entspannt ein paar km weiter runterfahren bevor wir nochmal einen schönen Übernachtungsplatz an der Straße finden.
Hier ist es allerdings nicht mehr so ruhig wie ganz oben in den Bergen. Schon früh morgens kommen einige LKWs vorbei und auch eine ziemlich große, internationale Gruppe von Geschäftsleuten macht eine kleine Pause an unserem Parkplatz, bevor sie weiter fahren um die Minen zu besichtigen in die sie eventuell investieren wollen.
Wir verlassen bei Copiapo endgültig die Anden. Und das war dann sicher das letzte Mal für uns mit Pedro in diesem wilden Gebirge, dass wir die letzten zwei Jahre so ausgiebig mit ihm bereist und immer wieder auf hohen Pässen überquert haben. Wir sind ohnehin schon etwas traurig weil wir Pedro in weniger als zwei Wochen abgeben werden und hier wird uns das noch deutlicher bewusst. Aber vorher wollen wir noch die Küstenstraßen entlang des Pazifik bis Santiago genießen.
Entlang der Küste nach Santiago
Von Copiapo, einer eher nicht so schönen Stadt am Fuß der Anden, geht es für uns erstmal noch weiter nach Westen bis zum Pazifik. Bei dem kleinen Fischerdorf Puerto Viejo versuchen wir erst zu einer Art Campingplatz am Strand zu kommen. Der Weg dahin führt aber über sandige Pisten die immer weicher werden, bis wir dann doch Angst haben irgendwann komplett stecken zu bleiben. Also kehren wir um und fahren bis an den Rand des Dorfes und finden da einen schönen Platz mit Blick übers mehr wo wir über Nacht bleiben. Leider bekommen wir hier mal wieder das Phänomen zu spüren, oder besser gesagt zu hören, dass Leute die spät Nachts in ihrem Auto laute Musik hören wollen dazu zwar die Ortschaft verlassen, aber dann außerhalb der Ortschaft doch wieder jedes Fahrzeug das sie entdecken mit ihrer – oft nicht unbedingt erwünschten – Musik zu beglücken. Wir haben noch was gekocht und gegessen und uns dann schlafen gelegt als gegen ein Uhr Nachts genau das passiert. Ein Auto hält in unserer Nähe und dann startet die laute Musik. Wir denken natürlich, dass das bald aufhört und versuchen es zu ignorieren. Aber die andren sind auch hier mal wieder beeindruckend ausdauernd mit ihrem Krach. Der Ragaton Rhythmus – scheinbar die einzige moderne Musik die es in Chile gibt – dröhnt einige Stunden neben uns das gefühlt gleiche Lied weckt uns immer wieder.
Naja, wir haben es zum Glück nicht super eilig und schlafen am nächsten Morgen etwas länger bevor wir uns noch das Dorf und den felsige Abbruch zum Pazifik anschauen. Es gibt sogar ein Loch von dem aus man in eine Höhle schauen kann, die ein Meteorit hier vor sehr langer Zeit mal bei seinem Einschlag geformt hat. Am Grund der Höhle kann man den Rest davon wohl auch noch sehen. Wir beobachten noch eine Weile die verschiedenen Meeresvögel und starten dann gegen Mittag in Richtung Süden.
Entlang der staubigen Küstenstraßen fahren wir bis kurz vor das Städtchen Huasco. Da findet sich ein schöner Stellplatz direkt am Meer und wir machen uns am Abend noch ein kleines Feuer, bevor wir dann – diesmal ohne Musik – ins Bett gehen.
Huasco besuchen wir am Morgen nur kurz um unsere Vorräte nochmal aufzustocken und ein schönes Stück Fisch zu kaufen. Danach geht’s ein Stück ins Landesinnere um einer Minenstraße durch die hügelige Landschaft zu folgen. Die Gegend hier ist eine Steppenlandschaft mit wenigen, trockenen Gewächsen und viel Staub. Ab und an gibt es auch mal etwas mehr grün und in den Hügeln sind unzählige Minen. Teils noch in Betrieb und teils schon lange stillgelegt. Und immer wieder geht es über ziemlich steile Sandpisten rauf und runter. Zar hat Pedro hier auf Meereshöhe wieder seine vollen 87 Pferdestärken zur Verfügung, aber einmal wird es oben trotzdem ganz schön knapp und wir kommen nur mit Mühe über die Kuppe, bevor es dann drüben wieder runtergeht. Am Abend kommen wir dann wieder an die Küste und übernachten kurz vor dem kleinen Dörfchen Caleta Chañaral. Wir genießen den Abend an der Küste mal wieder mit einem schönen Feuerchen. Das Holz dafür haben wir am Tag entlang der Straße von alten Baustellenmarkierungen gesammelt.
Am Morgen geht’s dann in den Ort. Wir wollen nochmal unser Glück mit den Walen versuchen und erwischen auch gleich ein Boot das mit einigen anderen Touristen rausfährt. Und wir haben auch mal wieder Erfolg. In der Nähe der Isla Chañaral sehen wir einige der riesigen Tiere, die auch recht nahe ans Boot kommen. Heute springt zwar keiner, aber der Anblick ist trotzdem wieder sehr schön. Und danach fahren wir noch eine Weile entlang der Nordküste der kleinen Insel, die nur zu Forschungszwecken betreten werden darf. Hier gibt es noch unzählige Seelöwen, Pelikane und Tölpel, die wir ausgiebig bestaunen können bevor es wieder zurück in den Hafen von Caleta Chañaral geht.
Da gönnen wir uns noch ein schönes Mittagessen und dann geht’s weiter. Immer der Küste entlang in Richtung Süden. Bevor wir auf die viel befahrene Routa 5 kommen machen wir noch einen Stopp an einem Parkplatz mitten im Nichts an dem es viele Füchse geben soll. Und tatsächlich sehen wir ziemlich bald einige der hier relativ zutraulichen Tiere. Zwischendurch kommen immer wieder ein paar laute Einheimische um auch ein paar Füchse zu sehen, was in Folge des Lärms den sei dabei machen nicht immer gelingt. Aber nach ein oder zwei Stunden haben wir dann genug Füchse gesehen und fahren auch weiter.
Am Abend sind wir dann in Totorlillo. Ein kleines Küstenstädtchen südlich von La Serena. Hier wollen wir die Nacht verbringen und morgen auf die kleine Halbinsel vor der Stadt gehen um den angeblich karibisch anmutenden Strand zu sehen und dort zu baden. Den Tipp haben wir von Ger und Carlos, unseren venezolanischen Freunden bekommen. Und die müssen ja wissen, was Karibik bedeutet. Schließlich sind sie quasi in der Karibik aufgewachsen.
Der Strand ist tatsächlich ein schöner Sandstrand und das Meer sehr blau, aber die Karibik ist in unserer Vorstellung schon etwas wärmer. Trotzdem gehen wir natürlich auch ein bischen im schönen Wasser zum Baden. Nur zum stundenlangen planschen lädt es auf Grund der eher kalten Wassertemperatur nicht ein. Aber dafür sehen wir noch einem Bodysurf-Wettbewerb zu und auch ein paar aufrechte Surfer tummeln sich in den langen Wellen nördlich der Halbinsel.
Als wir dann weiterfahren sind wir beide etwas traurig. Wir wollen am Abend in Maitencillo sein, dem kleinen Küstenstädtchen westlich von Santiago in dem wir vor gut einem Jahr schon mal ein paar Tage zum Gleitschirmfliegen waren. Für uns ist dann das Ende der Reise mit Pedro sehr nahe. Wir sind zwar noch mehr als zwei Monate in Südamerika, aber in zwei Tagen machen wir den Papierkram für Pedro fertig und spätestens in einer Woche müssen wir ihn an seine neuen Besitzer übergeben. Und so war die letzte Nacht mehr oder weniger das letzte Mal, dass wir mit Pedro irgendwo ein schönes Plätzchen gesucht haben von dem wir einige Stunden davor noch gar nichts wussten. Gerade diese Unsicherheit, nicht zu wissen wo wir übernachten werden und was genau wir am nächsten Tag machen werden war auch eine der ganz besonderen Erlebnisse an dieser Reise. Manchmal bringt das natürlich auch ein bisschen Stress mit. Wenn die Gegend nicht ganz sicher ist, oder das Wetter miserabel ist es nicht einfach einen Platz zu finden. Aber meist war es schon sehr spannend und auch bereichernd sich einfach auf dieses Mikroabenteuer jeden Tag vom neuen einzulassen.
Aber erstmal geht’s weiter nach Maitencillo. Vor Zapallar, einem kleinen Städtchen an der Küste nehmen wir mal wieder einen Tramper mit, Sergio Gonzales, der aus der Gegend kommt und ein bisschen von den reichen Chilenen erzählt die hier an der Küste ihre Wochenendhäuser haben. Ähnlich wie bei uns in den Bergen.
Und dann machen wir einen kurzen Stopp am Strand von Zappalar. Unsere Freunde Carlos und Ger haben eine Zeitlang am Ende von jedem Video auf ihrem Youtube Kanal ein kleines, von Carlos bemaltes Ei an unterschiedlichen Orten versteckt. Wer die Videos sieht kann es suchen und stattdessen etwas anderen in dem Versteck hinterlegen. Ähnlich wie beim Geocaching, aber ohne GPS. Wir haben schon weiter oben in La Serena, wo die beiden vor etwa einem Jahr waren nach dem Versteck gesucht, aber es war nichts mehr da. Jetzt wollen wir es hier zwischen den Felsen an der Küste nochmal versuchen. Einfach um nochmal eine schöne Erinnerung an die beiden zu haben und etwas Anderes für den nächsten der sucht zu hinterlassen. Aber leider war auch hier schon jemand vor uns da und hat nichts hinterlassen. Oder es hat zufällig jemand gefunden der den Hintergrund nicht kannte. Naja, einen Versuch war es wert.
Am Abend kommen wir in Maitencillo an und fahren wieder zu „unserem“ Stellplatz am Strand, wo wir im letzten Jahr ein paar schöne Tage mit Mauricio verbracht haben. Dem im Wohnwagen wohnenden Gleitschirmflieger. Er ist leider gerade nicht da, das wussten wir auch schon weil Delphine noch Kontakt mit ihm hat. Aber der Platz ist trotzdem noch sehr schön und wir genießen den Sonnenuntergang über dem Pazifik und freuen uns auf ein paar schöne Flüge hier.
Am nächsten Vormittag fahren wir dann auch direkt zur Flugschule von Arturo. Allerdings erfahren wir bald, dass er gar nicht mehr Betreiber der Flugschule ist. Er hat die Schule verkauft, wohnt aber nach wie vor in seinem Häuschen direkt hinter dem Startplatz.
Auch die neue Crew der Schule ist super nett und wir haben nochmal zwei schöne Tage hier. Auch wenn der Wind – vor allem für Delphine – teils zu stark zum Fliegen ist haben wir eine nette Zeit und lernen auch nochmal ein paar nette Piloten kennen. Allerdings haben wir auch ständig im Kopf, dass unsere Reise mit Pedro in ein paar Tagen vorbei sein wird und jedes Mal, wenn ich ihn beim Fliegen von oben hinter der Flugschule stehen sehe muss ich dran denken, dass wir bald nur noch als Backpacker unterwegs sein werden und in zwei Monaten der Flug nach Hause gebucht ist. Nicht, dass wir uns nicht darauf freuen nach über zwei Jahren unsere Familie und Freunde wieder zu sehen, aber das freie Leben auf Reisen – mit all seinen Höhen und Tiefen – werden wir auf jeden Fall sehr vermissen.
