Iquique, Pisagua und Altiplano

Iquique, Pisagua und Altiplano

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Nach dem emotionalen Abschied von Pedro und den ersten Tagen bei Claudia in Santiago, machen wir uns schließlich – bepackt mit Rucksäcken und Gleitschirmen – auf den Weg nach Norden, zurück in die Wüste, die uns so ans Herz gewachsen ist.

Von Santiago aus kann man ziemlich einfach direkt nach Iquique fliegen. Wir wählen die Klimaverträglichere Variante und nehmen den Bus in den Norden. Der fährt praktischerweise auch durch, so, dass wir uns einen Umstieg unterwegs sparen können. Allerdings dauert die Fahrt da rauf auch insgesamt 25 h.

Zurück in Iquique

Etwas gerädert kommen wir also schließlich in Iquique an und nehmen direkt ein Taxi zu unserer Unterkunft.

Im letzten Jahr standen wir mit Pedro vor dem Flightpark. Einem Hostel, das vor einigen Jahren von einem Schweizer Gleitschirmflieger speziell für Paraglider gebaut wurde. Es war eine interessante Konstruktion aus vielen Wohncontainern, in denen auch größere Gruppen von Fliegern unterkommen konnten. Dazu gab es eine große Terrasse, einen Platz zum Reinigen und – wenn nötig – Reparieren von Gleitschirmen und sogar einen kleinen Pool. Früher war die Anlage noch größer, und es gab sogar eine extra Gleitschirmwerkstatt zur Reparatur von Segeln und Leinen. Aber schon vor einem Jahr wurde ein Teil der Anlage für andere Sportanlagen verwendet. Betrieben wurde die Anlage schon damals nicht mehr von ihrem Besitzer, sondern von Leo, der selbst Tandempilot und Fluglehrer ist und mit seiner Familie auch in einem der Container gewohnt hat.

Inzwischen ist die Anlage verkauft, und Leo hat ein großes Haus in der Stadt gemietet, das er jetzt als seinen eigenen Flightpark betreibt. Der ist nicht so groß und bietet auch nicht so viel Platz, um Schirme zu reinigen und zu packen. Aber immerhin gibt es eine große Dachterrasse, die als Platz zum Schirmepacken, Grillen und Tischtennisspielen dient, und die alten, ziemlich kaputten Fahrzeuge, die schon letztes Jahr grenzwertig schlecht liefen, gibt es immer noch. Damit können die Piloten nachmittags – wenn es zum Fliegen nach Palo Buque geht – direkt zum Startplatz fahren. Das ist auch ein Vorzug dieser Unterkunft, da man sich so die Kosten für die Fahrten leichter teilen kann.

Aber wir kommen erstmal in einem gut 100 Meter hohen Gebäude in der Stadt unter, in dem Leo gerade quasi als Erweiterung seines Hostels eine Wohnung gemietet hat. Er wohnt selbst mit seiner Frau, seinem Sohn und der lustigen kleinen Hündin Mona gerade hier, weil alle Zimmer im Hostel mit anderen Fliegern besetzt sind. Unter anderem ist auch Francois, der Acropilot aus Frankreich, wieder mit einer Gruppe von Schülern da. Und auch Matthieu und Matthieu aus Frankreich und Andiara aus Brasilien, die wir schon vom letzten Jahr kennen, sind wieder hier, um vier Wochen lang das geniale Fliegen an der Düne zu genießen.

Mit uns in der Wohnung ist ein junger französischer Pilot. Justin aus Chamonix ist super nett und erzählt von seiner Reise mit dem Gleitschirm durch Südamerika. Er war schon eine Weile in Brasilien und Peru zum Fliegen und will Anfang des nächsten Jahres noch nach Bolivien und schließlich nach Kolumbien, um dort lange Strecken zu fliegen. Als er erzählt, dass er ins gut 250 km entfernte Arica fliegen will, frage ich erstmal etwas naiv, was er da will. Ich kapiere im ersten Moment gar nicht, dass er die ziemlich wilde und abgelegene Küste mit dem Gleitschirm da hoch fliegen will. Aber langsam kapieren wir, dass wir es hier mit einem etwas besseren Piloten zu tun haben. Vor ein paar Wochen hat er erst zwei 500-km-Flüge in Brasilien gemacht, und vor zwei Jahren war er Zweiter im Gleitschirm-Weltcup. Tja, seine Ambitionen sind etwas andere, aber wir verstehen uns super, und wir sind für ein paar Tage eine sehr nette WG.

Das Fliegen an der Düne ist an den ersten Tagen erstmal wieder etwas ungewohnt, und der Wind schwächelt auch ein bisschen. Aber dann gibt’s wieder mehr Wind, und wir fahren wieder täglich mit derselben Begeisterung raus nach Palo Buque – wie im letzten Jahr.

Ausflug nach Pisagua

Nach ein paar Tagen fragt Francois, ob wir mit seiner Gruppe nach Pisagua kommen wollen. Ein kleines Dörfchen etwa 80 km nördlich von Iquique an der Küste, wo man schön fliegen und am Strand biwakieren kann. Wir müssen zwar selbständig dort fliegen – er ist mit seinen Schülern beschäftigt –, aber wir können gemeinsam abends ein Feuerchen machen und die Zeit dort genießen. Letztes Jahr waren wir auf dem Weg nach Arequipa schon mal in der Bucht bei Pisagua, hatten aber kein Glück mit dem Wind. Dafür hatten wir zwei schöne Nächte mit Pedro am Meer und haben neben vielen Seevögeln sogar ein paar Wale gesehen.

So leihen wir uns von Leo eine seiner Schrottkisten aus und fahren für eine Nacht raus nach Pisagua. Als wir aus dem kleinen Ort zur Bucht rausfahren, stellen wir – schon einige Kilometer vom Ort entfernt – fest, dass wir hinten eine Platten haben. Wir finden zwar nach etwas Suchen einen Ersatzreifen und auch einen Wagenheber, aber der Ersatzreifen hat fast keine Luft und ist auch wirklich nur ein Ersatz für ein paar km. So fahren wir mit dem Ding wieder ins Dorf, wo wir nach etwas Suchen und Rumfragen tatsächlich auch jemanden finden, der uns den kaputten Reifen reparieren kann. Allerdings können wir den erst morgen am Vormittag wiederholen; heute klappte es nicht mehr. Na gut, jetzt haben wir zumindest den Ersatzreifen aufgepumpt und fahren wieder raus zur Bucht, wo wir mit den anderen Fliegern einen schönen Abend am Lagerfeuer verbringen. Am nächsten Morgen steht der Wind ohnehin ungünstig zum Fliegen, und wir fahren erstmal zurück ins Dorf. Dort schauen wir uns noch ein paar der alten Gebäude an und können unter anderem in das gut 100 Jahre alte Theater hinein, welches leider gerade ziemlich am Verfallen ist.

Pisagua war vor etwa 100 Jahren ein florierendes kleines Städtchen, das vom damals florierenden Bergbau profitierte und gleichzeitig – aufgrund seiner Lage weit im Norden von Iquique und noch weit südlich von Arica – auch militärisch ein wichtiger Posten war. Erst während der Salpeterkriege vor 150 Jahren ging die Gegend von Peru an Chile über. Danach boomte die Stadt und erhielt damals so auch ein Theater und ein Krankenhaus und hatte deutlich mehr als die heute knapp 300 Einwohner.

Als wir auf dem Weg zurück zu unserer Bucht noch einen kleinen Ausflug zum Strand machen, treffen wir auch noch einen Einheimischen, der uns von der geschichtlichen Bedeutung der Stadt und genau diesem Strand erzählt, an dem sich die chilenische Marine vor 150 Jahren quasi ans Land geschlichen hat und von hier aus die Peruaner vertrieben hat.

Am Nachmittag steht der Wind dann günstig, und wir können erst direkt an der kleinen Bucht und später weiter hinten an den großen Hängen noch eine ganze Weile sehr schön fliegen, bevor wir am Abend wieder zurück nach Iquique fahren. Der kaputte Reifen hält übrigens bis Iquique durch, ist aber zwei Tage später wieder platt und wird dann endlich gegen einen neuen getauscht.

Iquique

In Iquique vergehen die Tage immer ähnlich. Vormittags sind wir entweder beim Fliegen von Alto Hospicio aus über Iquique oder kümmern uns um die vielen Bilder, die wir in den letzten Monaten mit Pedro noch gemacht haben, und um unsere Blogeinträge. Am Nachmittag gegen drei geht’s meistens los nach Palo Buque, dem eigentlichen Highlight von Iquique. Dieses Fluggebiet ist der Grund, weshalb Piloten aus der ganzen Welt immer wieder hierher kommen, um ihre Flugtechnik zu verbessern oder einfach nur Spaß zu haben. Der riesige Sandhaufen wird fast jeden Tag des Jahres am Nachmittag von einem konstanten Wind aus Südwest angeströmt, und man kann dann Stundenlang in Bodennähe fliegen oder mit der Thermik weiter rauf und Manöver üben, die eben mehr Höhe über Grund benötigen. Aber vor allem kann man hier die perfekte Beherrschung des Schirms am Boden und beim bodennahen Fliegen lernen. Wir lieben es, vom unten liegenden Startplatz erstmal ein paar Meter die Düne hoch zu kiten – also sich vom Wind mit dem senkrecht vor einen gestellten Schirm hochziehen zu lassen –, um den Schirm dann über sich zu bringen, zu starten und ein paar enge Kurven in Bodennähe oder auch mit Bodenkontakt zu machen. Klar kann man hier auch ziemlich einfach einige Stunden in der Luft verbringen, aber das geht woanders schöner und mit mehr Abwechslung.

Und dann ist plötzlich schon Weihnachten da. Wir sind inzwischen aus unserem Hochhaus – wo wir im 20. Stock einen super Blick über die Stadt und das Meer hatten – in das eigentliche Hostel gezogen und haben jetzt sogar ein etwas größeres Zimmer mit eigenem Bad für uns. Justin, Francois und seine Truppe und auch die beiden Matthieus aus Frankreich und Andiara aus Brasilien sind wieder abgereist, und der Flightpark ist fast leer. Aber immer wieder kommen neue Piloten für ein paar Tage, und an Weihnachten feiern wir in einer lustigen Mischung aus Schweizern, Österreichern, Deutschen und Brasilianern mit einem schönen gemeinsamen Barbecue auf der Dachterrasse.

Am Nachmittag des Heiligabends sind wir natürlich auch wieder fliegen, und Delphine und ich versuchen mal wieder zu den wunderschönen Dunas Misticas – den mystischen Dünen – zu fliegen. Schon letztes Jahr sind wir öfter bei Sonnenuntergang über diese wilden Sandverwehungen am Hang etwa 2 km entfernt von unserem Flugberg geflogen. Wenn der Wind nachlässt und noch genug Thermik aus dem aufgewärmten Sandboden entsteht, kann man immer wieder mal bei relativ ruhigen Bedingungen dort hin und sie von oben bewundern. Aber oft reicht auch die Thermik nicht mehr, und man riskiert – wenn man zu tief kommt – einen langen, mühseligen Rückmarsch zu Fuß durch den weichen Sand. Delphine muss leider auf Grund fehlender Höhe schon vorher umkehren; ich fliege zu den Dünen und lande mitten in diesen wilden Sandhaufen, um mir das Ganze endlich mal aus der Nähe anzuschauen. Und es ist wirklich ein Stück Wüste fast wie im Bilderbuch. Ich stehe zwischen den Sanddünen, die sich immer wieder neu mit ihren scharfen Kanten aufbauen und gerade von der tief stehenden Sonne beschienen werden, mache ein paar Bilder und bin glücklich, endlich auch mal hier mitten drin gelandet zu sein, als plötzlich ein Fuchs über einen der Kämme guckt. Er schaut etwas skeptisch, kommt aber ganz langsam näher und geht dann – den Blick immer wieder mir gerichtet – im Halbkreis um mich rum. Ich staune erstmal ganz schön über diese extra Überraschung, nehme dann aber langsam meine Kamera hoch und mache ein paar Bilder. Der Fuchs schaut mich mindestens so neugierig an wie ich ihn, hat aber scheinbar nicht wirklich Angst vor mir. So gehe ich ganz langsam näher, bis er etwas zurückweicht. So beobachten wir uns ein paar Minuten, bis er plötzlich umdreht und weggeht. Doch anstatt zu verschwinden, setzt er sich etwa 15 Meter entfernt wieder hin – genau in ein kleines Fleckchen Licht, das die Sonne noch auf die Düne projiziert. Ich freue mich tierisch über diese schönen Momente, aber langsam wird es auch wieder Zeit zurückzufliegen, sonst habe ich gar keinen Wind mehr und muss ein ganzes Stück laufen, wenn ich nicht bis zum Auto fliegen kann. Als ich mich langsam startfertig mache, kommt mein Freund nochmal, legt sich ein paar Meter hinter meinem Schirm hin und beobachtet neugierig, was ich da mache. Und auch als ich starte und wegfliege, liegt er noch da und schaut mir nach.

So sehr mich diese Begegnung erfreut hat, muss ich leider auch erwähnen, dass diese so perfekte und märchenhafte Dünenlandschaft auch einen großen Makel hat. In den tiefen Schneisen im Windschatten hinter den Dünen liegen Unmengen an Plastikmüll – vor allem Flaschen –, die der Wind hier rauf weht und die inzwischen überall in der riesigen Atacama-Wüste zu finden sind.

Kurz nach Weihnachten kommen neue Gäste in den Flightpark. Martino und Sofia kommen aus Italien und leben im Sommer am Gardasee. Martino arbeitet seit zwei Jahren als professioneller Tandempilot, und Sofia verdient ihr Geld als Bedienung in einer Bar. Dem Winter in den Alpen wollten die beiden entfliehen, und bevor Martino in ein paar Wochen einen Job als Pilot im Süden von Chile hat, wollten sie noch eine Weile in Iquique fliegen. Martino ist ein ziemlich versierter Acro-Pilot, von dem wir auch eine Menge lernen. Sofia hat erst kürzlich ihren Flugschein gemacht, kann dafür aber schon ziemlich gut mit ihrem Schirm umgehen. Delphine freut sich, auch mal wieder Italienisch sprechen zu können, und sonst können die beiden auch recht gut Englisch und Spanisch. Wir verbringen viel Zeit mit den beiden, die – wie wir nach einer Weile erfahren – auch Alex, unserem niederländischen Freund, mit dem wir im letzten Jahr hier geflogen sind, kennen.

An einem der Nachmittage in Palo Buque beobachte ich erst von oben, wie eine größere Gruppe von Menschen durch den Wüstensand in Richtung des unten gelegenen Startplatzes läuft. Als ich runterkomme und lande, kommt eine große Gruppe Kinder auf mich zu gerannt, die sich am liebsten an mich hängen und mitfliegen würden. Sie rufen laut und wollen von mir wissen, wie das geht mit dem Fliegen. Ich ziehe den Schirm nochmal auf und laufe den kleinen Hang hinter uns hoch, um noch ein paar Runden zu fliegen und wieder zu landen. Die Kinder sind begeistert. Später erfahre ich von Martino und Sofia, die schon länger unten waren, dass die Gruppe aus einem Lager für Geflüchtete gekommen ist, das etwas weiter südlich an der Küste liegt. Sie kommen aus Haiti und müssen hier ausharren, ob sie in Chile bleiben dürfen. Das Gleiche wie bei uns: Die Menschen kommen aus den widrigsten Umständen in ein reiches Land, in dem sie einfach nur in Frieden leben und arbeiten wollen, und statt sie arbeiten zu lassen, werden sie erstmal Jahrelang irgendwo weggesperrt.

Wir wollten ja für ein paar Wochen hier fliegen und dann nochmal nach Argentinien. Die Fluggebiete in der Gegend um Cordoba sollen sehr schön sein, und vor allem erhoffen wir uns da einen Flug gemeinsam mit den großen Andenkondoren. Außerdem würden wir gerne noch die Iguazu-Fälle im Dreiländereck Argentinien, Paraguay und Brasilien besuchen. Doch gleichzeitig ist die Zeit hier gerade sehr erholsam, und wir genießen es, einfach mal längere Zeit an einem Ort zu sein und jeden Tag beim Fliegen schöne Erlebnisse zu haben.

An einem der Nachmittage sitzen wir – wie so oft – oben an der großen Düne. Wir genießen die Ruhe und den Blick über den Pazifik und warten darauf, dass der Wind noch etwas nachlässt und die Bedingungen perfekt für unsere großen Schirme werden, um hier oben mit den Füßen im Sand zu fliegen und immer wieder Punktlandungen zu üben und einfach Spaß zu haben. Es ist schon fast ein Ritual, dass wir nach einer oder zwei Stunden Groundhandling und Fliegen unten an der Düne dann irgendwann rauffliegen, um rechtzeitig da zu sein, wenn die Bedingungen hier oben gut werden. Meist sitzen wir dann einfach eine Weile hier – meist in einer größeren Gruppe – und genießen es, hier sein zu dürfen.

Diesmal sind nur Delphine und ich hier und überlegen, wann wir weiterwollen. Und dabei stellen wir fest, dass wir beide gar nicht mehr unbedingt viel rumfahren möchten in diesen letzten Wochen in Südamerika. Wir haben die letzten zwei Jahre so viel erlebt auf diesem wunderschönen Kontinent, dass wir gerade einfach auch froh sind, die Zeit hier zu genießen und nicht noch Unmengen von Erlebnissen dranzuhängen. Aber nochmal fast vier Wochen nur Iquique ist uns auch zu einseitig. So reift der Plan, ein Auto zu mieten und nochmal für ein paar Tage ins Altiplano an der Grenze zu Bolivien zu fahren. Wir haben diese Gegend immer wieder sehr gemocht: die weiten, wilden Berglandschaften mit ihren Lagunen und den vielen Lamas, Alpacas und Flamingos. Außerdem haben wir von einem anderen Reisenden vor ein paar Wochen von der Laguna Roja gehört – einer noch recht unbekannten, knallroten Lagune in den Bergen, mit dem Auto etwa vier Stunden von hier entfernt.

Ausflug zur Laguna Roja, nochmal ins Altiplano

[Wieder unten teilen wir unsere Pläne mit Sofia und Martino, und die beiden sind auch schnell überzeugt. So kümmern wir uns um ein Fahrzeug und starten ein paar Tage später mit einem Toyota Hilux in Richtung Berge. Diese riesigen Allrad-Pickup-Trucks sind in Südamerika allgegenwärtig und tatsächlich auch das einzige Allrad-Mietfahrzeug, das wir bekommen können. Wir stapeln also unser Gepäck und unsere Gleitschirme – vielleicht ergibt sich ja unterwegs eine Gelegenheit zum Fliegen – auf die Ladefläche, und… Martino entdeckt zufällig einen Nagel, der in einem der Reifen steckt. Also fahren wir wieder zur Autovermietung und erklären dem Herrn dort, dass wir zuerst gerne einen anderen Reifen hätten. Nach etwas Hin und Her fährt der schließlich mit mir zur nächsten Werkstatt, wo der Reifen geflickt wird, während die anderen gemütlich in einem Café in der Stadt auf mich warten. Doch dann geht’s los in die Berge. Zunächst wollen wir mal nach Pica. Das ist ein kleines Örtchen mit einem angeblich sehr schönen Thermalbad in einer Höhe von ca. 1.300 m. Eigentlich zu wenig für eine richtige Akklimatisation, aber immerhin mehr als Meereshöhe, wo wir die letzten acht Wochen verbracht haben.

Humberstone und Pica

Auf dem Weg in die Berge machen wir noch einen Stopp bei der alten Minenstadt Humberstone. Delphine und ich haben dieses Freilichtmuseum aus der ersten Zeit des kommerziellen Salpeterabbaus schon im letzten Jahr besucht. Ich schaue es mir aber auch gerne nochmal an und laufe mit Sofia und Martino ein Stündchen durch die alten Ruinen, bevor es dann weitergeht. Am Nachmittag erreichen wir das für den Anbau von Limonen bekannte Örtchen Pica, beziehen einen kleinen Bungalow und fahren dann zur Therme, in der wir ein paar Stunden verbringen. Am Abend finden wir ein Restaurant mit sehr leckerem Essen, und nach einer ruhigen Nacht in unserem Bungalow fahren wir am nächsten Vormittag weiter rauf.

Salar de Huasco

Heute wollen wir zum Salar de Huasco, der auf etwa 4.000 Metern Höhe liegt. Ziemlich weit oben – dafür, dass wir gestern erst vom Pazifik hier raufkamen. Aber die Nacht wollen wir dann wieder auf etwas über 2.500 Metern Höhe verbringen. Der Weg in die Berge führt durch immer kargere Landschaft mit immer wieder schönen Ausblicken in die Berge. Wir halten ab und zu an, um uns die Gegend näher anzusehen, und schließlich kommen wir über eine kleine Passhöhe und sehen den Salar de Huasco zum ersten Mal. Delphine und ich haben schon viele dieser schönen Salzseen in der Bergwüste der Atacama gesehen, finden diese Landschaft aber immer wieder sehr schön und freuen uns sehr, nochmal hier oben sein zu dürfen. Auch Martino und Sofia gefällt es hier oben zwischen den Lamas und Alpacas und mit Blick über den See mit Hunderten von Flamingos, die im seichten Wasser nach Essen suchen. Aber Sofia hat leider auch schon ziemliche Kopfschmerzen, und so langsam koppelt das Wetter auch. So geht es dann weiter durch die Bergwüste nach Norden – immer auf etwa 4.000 Metern Höhe. Unterwegs machen wir noch einen kurzen Stopp bei einer kleinen Therme, aber leider ist das Gelände abgeschlossen, und niemand weit und breit ist da, der uns öffnen könnte. Da es Sofia auch nicht besser geht, beschließen wir, bei Lirima wieder in Richtung Westen abzubiegen und weiter runter zu fahren. Es wäre sehr reizvoll gewesen, der Straße noch weiter nach Norden durch die Berge zu folgen – eine Strecke, die wir schon im letzten Jahr gerne gesehen hätten, die mit Pedro aber definitiv nicht machbar gewesen wäre. Aber das hätte zur Folge gehabt, dass wir in der großen Höhe übernachten müssten, und das wäre für Sofia nicht nur unangenehm, sondern eventuell sogar gefährlich. Beim Runterfahren geht es ihr aber – wie zu erwarten – zunehmend besser, und als wir dann in Mamiña, auf etwa 2.000 m Höhe gelegen, ankommen, ist sie schon wieder ziemlich fit.

Wir haben eigentlich eine touristische Stadt wie Pica erwartet, aber hier ist irgendwie alles zu, und wir finden erst nach längerer Suche überhaupt ein Hotel, das geöffnet hat. Auch am Abend müssen wir eine Weile suchen und bekommen dann in einer Art Restaurant in einem Hinterzimmer ohne Fenster ein ganz gutes Abendmenü zu essen. Aber das Essen schien nicht so ganz in Ordnung gewesen zu sein. Unseren beiden Mitreisenden geht es am nächsten Morgen gar nicht gut, und nachdem sie sich auch bis Mittag nicht erholt haben, fahren wir schließlich wieder runter nach Pozo Almonte, von wo die beiden dann mit dem Bus zurück nach Iquique fahren. Schade, dass sie so nicht allzu viel von der schönen Andenlandschaft gesehen haben. Bis auf den Aufenthalt am Salar de Huasco war es leider auch oft regnerisch, und man hat nicht viel von der schönen Landschaft gesehen. Aber in ihrem jetzigen Zustand wollen sie einfach nur ins Hostel und sich erholen.

Zum Salar Surire

Wir kaufen am Markt nochmal etwas ein und fahren dann weiter. Erst nach Norden bis Huara, wo wir uns bei der örtlichen Polizei noch nach den Zuständen der Straßen oben in den Bergen erkundigen. Die sind zwar nach deren Auskunft nach dem vielen Regen der letzten Zeit nicht im besten Zustand, aber durchaus befahrbar, und so geht’s für uns wieder rauf in die Berge, wo wir am späten Nachmittag in Cariquima – einem kleinen Dorf kurz vor der bolivianischen Grenze – noch ein Zimmer in einer Minenarbeiterunterkunft bekommen. Hier oben erinnern Landschaft und Leute mehr an Bolivien als an Chile. Und auch die junge Frau, die sich hier um uns kümmert, kommt aus der bolivianischen Grenzregion. So können wir sogar unsere restlichen verbliebenen Bolivianos noch nutzen, um damit die Unterkunft zu bezahlen.

Am nächsten Morgen geht’s dann über das kleine Dörfchen Isluga – in dem wir letztes Jahr auch mal eine Nacht am Thermalbad übernachtet haben – weiter zum Salar de Surire. Die Landschaft hier oben ist wieder mal super schön. Zumindest für uns. Aber die Straße ist wirklich miserabel und teilweise halb weggespült. So können wir den Allrad von unserem Mietauto gleich mal richtig testen. Ohne Allrad und viel Bodenfreiheit wäre hier auf jeden Fall Schluss. Mit Pedro wären wir da nicht gefahren. Aber mit unserem Hilux kommen wir gut weiter, und irgendwann geht’s über einen kleinen Hügel, und dann sehen wir den Salar in voller Größe vor uns. Wir fahren runter Richtung Ufer und beschließen, die Straße einmal um den See zu nehmen. Nach ein paar km kommen wir wieder mal zu einer Art natürlicher Therme. In dem dampfenden Wasser sind gerade einige Flamingos unterwegs, die sich sehr schön vor dem weißen Dampf abzeichnen. Und von oben mit der Drohne sieht man den Dampf, wie er aus dem kleinen, warmen Tümpel aufsteigt und sich weiter oben auflöst. Wir machen einen kleinen Spaziergang und beobachten noch ein paar Vicuñas, die durch die feuchten Wiesen spazieren, und wieder mal jede Menge Flamingos. Dann setzen wir unsere Rundfahrt um den See fort. Die Straße wird immer schlechter. Es ist eigentlich nur noch eine Piste durch den Matsch, die sich immer wieder mal in verschiedenen Spuren aufspaltet. Kurzzeitig überlegen wir umzudrehen, aber dann müssten wir durch den ganzen Mist wieder zurück. Also weiter und hoffen, dass wir nicht im zu tiefen Matsch stecken bleiben. Aber irgendwann wird der Untergrund wieder fester, und wir können die Landschaft um uns herum wieder mehr genießen. Und nach etwas mehr als der Hälfte des Weges kommen wir schließlich wieder auf eine Schotterpiste, die irgendwann zu einer Polizeistation mit Schranke führt.

Wir schauen, ob wir jemanden finden, der uns durchlässt, und überlegen schon, einfach an der Schranke vorbei zu fahren, als dann doch mal jemand rauskommt. Hier oben werden wohl haufenweise Autos von Chile nach Bolivien geschmuggelt. Wir haben auch viele Spuren gesehen, die von der Straße weg einfach ins Nichts nach Osten führen. Ein paar km weiter ist die bolivianische Grenze. Deshalb gibt es hier oben – so abgelegen – noch einen Polizeiposten. Der Polizist ist überrascht, dass wir aus der Richtung kommen und überhaupt durchgekommen sind. Ab jetzt wird die Straße erstmal wieder besser. Wobei wir noch ein Stück über die schlechte Piste zurück müssen, die wir heute Morgen hierhergefahren sind. Aber danach ist die Piste runter in Richtung Laguna Roja wohl im Moment befahrbar, meint er. Also fahren wir weiter. Der Rest der Strecke ist nicht mehr so spannend. Am Salar gibt’s noch eine größere Mine, und dann sind wir auch schon einmal rumgefahren und nehmen die Straße von heute Morgen zurück. Nach einigen km biegen wir wieder rechts ab und fahren nun ein kleines Flusstal entlang nach Westen. Immer wieder ist die Straße teilweise weggeschwemmt, und wir überqueren den Fluss des Öfteren durch Furten. Aber der Wasserstand ist nicht sehr hoch, und mit unserem großen Auto ist das relativ einfach möglich. Am späten Nachmittag kommen wir dann im Regen und teils ziemlich dichten Nebel zur Abzweigung in Richtung Embalse Caritaya – einem Stausee, der etwas weiter nördlich in einem Tal liegt. Bis dahin ist die Straße noch eine ganz gut zu fahrende Schotterpiste; als wir kurz vor dem See in Richtung Laguna Roja abbiegen, ist es nur noch ein extrem ausgewaschener Feldweg. Noch dazu ziemlich eng. Wir sind froh, dass wir so spät hier sind – da ist die Gefahr gering, dass wir Gegenverkehr bekommen. Wir wurden schon gewarnt, dass es hier teilweise über mehr als 2 km keine Möglichkeiten zum Ausweichen gibt; da freut man sich nicht so über Gegenverkehr. Und dann kommen wir schließlich an einen kleinen Parkplatz ganz am Ende der Straße. Die letzten 300 m zur Laguna Roja muss man von hier aus laufen. Aber es ist bereits dunkel, und es regnet. So essen wir noch eine Kleinigkeit und machen uns dann fertig für die Nacht. Wir haben für alle Fälle Isomatten und Schlafsäcke mitgebracht. Aber kein Zelt. Und so macht es sich Delphine auf den Rücksitzen des Autos gemütlich, und ich lade unser ganzes Gepäck auf die Vordersitze und spanne die Plane – die eigentlich das Gepäck abdeckt – über die Überrollbügel der Ladefläche und befestige sie mit ein paar Schnüren an großen Steinen neben dem Auto. Und darunter habe ich dann ein ganz nettes kleines Zelt, in dem ich gut schlafe.

Die Laguna Roja

Am Morgen ist das Wetter zum Glück – wie auch schon vorhergesagt – ziemlich gut, und wir bestaunen schon vom Auto aus den Ausblick auf die Laguna Roja. Die heißt nicht einfach nur so; sie ist wirklich tiefrot. Und wo das Wasser aus der Lagune überläuft und über ein breites Felsband in einen etwas tiefer liegenden Fluss läuft, ist auch der Fels knallrot. Wir haben ja einige sehr schöne Seen und Lagunen in Südamerika gesehen – teilweise so gesättigt Türkis, dass man dachte, da hat jemand etwas arg am Farbregler gedreht. Und die Laguna Colorada in Bolivien war auch rötlich, aber hier ist es wirklich ein kräftiges Rot, als hätte jemand einen ganzen LKW roter Pigmente reingeschüttet.

Wir bleiben den ganzen Vormittag hier, schauen, staunen und laufen herum. Lassen die Drohne fliegen und beobachten mal wieder Lamas, die sich hier rumtreiben. Gegen Mittag wird es dann aber doch langsam Zeit, die Rückfahrt anzutreten. Wir müssen das Auto zwar erst morgen abgeben, aber wir haben nicht viel zu Essen und auch nur unsere eingeschränkte Campingausrüstung dabei. Außerdem soll das Wetter ohnehin schlechter werden. So treten wir also den Rückweg über die enge Straße an. Bei einem Haus – ein paar hundert Meter vom Parkplatz entfernt – halten wir nochmal an und sprechen mit den Bewohnern, die auch noch eine Art Eintritt von uns bekommen. Die Laguna befindet sich nämlich auf ihrem Grund. Die beiden sind zunächst etwas wortkarg, aber Delphine bringt sie dann doch ziemlich schnell dazu, dass sie ein bisschen erzählen. So richtig viele Touristen kommen bisher noch nicht hierher. Und die meisten mit geführten Touren aus Iquique. Aber es ist wohl schon mehr geworden, seit die Leute nach Corona immer mehr reisen wollen. Und wenn erst mal irgendein erfolgreicher Instagramer hier raufkommt, besteht sicher die Gefahr, dass die Gegend von Touren überrannt wird. Die beiden freuen sich zwar scheinbar über unseren kurzen Besuch, aber man hat nicht das Gefühl, dass sie sich hier Massentourismus wünschen.

Wir verabschieden uns und starten dann wirklich zu unserem längeren Rückweg. Unterwegs gibt’s natürlich noch viele Pausen zum Schauen und Fotos machen, aber spätestens ab dem Städtchen Camiña verlassen wir dann die Einsamkeit der abgelegenen Andenpisten und fahren dann ziemlich zügig runter zur Ruta 5 – wie die Panamericana hier im Norden heißt – und sind am späten Nachmittag wieder in Iquique.

Wir haben diesen kurzen Ausflug in die Berge nochmal sehr genossen: die extrem kargen und weiten Landschaften und die zurückhaltenden, aber sehr netten Menschen in den Bergen. Die Lamas, Alpacas und Flamingos an den weiten Lagunen und die Stille. Das alles werden wir sicher vermissen und sind froh, dass wir nochmal da oben sein durften.

Hier noch eine Karte von unserer kleinen Rundtour durch die Wüste:

Und nochmal Iquique und fliegen, fliegen, fliegen…

Zurück in Iquique genießen wir nochmal die Zeit an der Düne. Sofia und Martino verlassen uns leider nach ein paar Tagen. Martinos Job im Süden wird leider doch nichts, weil der Tandem-Unternehmer, der ihn angeheuert hat, sich nicht um Ausrüstung und eine Fluggenehmigung für ihn gekümmert hat, und so fliegen sie dann früher als geplant zurück nach Europa.

Ein bisschen getrübt werden die letzten Tage hier noch von einer Nachricht voller Vorwürfe von Pedros neuen Besitzern. Die beiden haben das Fahrzeug kurz vor Weihnachten schon wieder zum Verkauf inseriert. Ihre Reise mit Pedro war von Anfang an nur für fünf Monate geplant, und wir hatten ihnen geraten, ihn so bald wie möglich wieder zu inserieren, damit sie ihn auch selbst noch vor Ort verkaufen können. Wären sie erstmal zurück in Europa, wäre das sehr kompliziert. Kurz nachdem das Inserat online ist, bekomme ich von den beiden die Frage, wie alt denn der Zahnriemen von Pedro ist. Ein befreundeter Mechaniker hätte ihnen mitgeteilt, das wäre wichtig. In all den Monaten davor habe ich ihnen so viel wie möglich über Pedros Zustand, seine Vorzüge, aber auch seine Macken mitgeteilt, aber sie hatten nie wirklich Interesse an den Details und wollten einfach nur ihren Traum von Vanlife starten. Jetzt gehen wir davon aus, dass einer der Käufer nachgefragt hat, wie alt der Riemen ist. Denn ein befreundeter Mechaniker hätte sicherlich sonst schon vorher mal bei einem der gemeinsamen Videotelefonate dabei sein und seine Expertise einbringen können. Naja, ich antworte also, dass der Zahnriemen ca. 50.000 km alt ist und nach meinem Wissensstand noch gut 90.000 km fahren könnte. Getauscht wurde er direkt nachdem wir Pedro gekauft haben – im Juni 2019. So, jetzt gibt es eine Aussage von Fiat, die ich bisher ehrlich gesagt nicht kannte, dass der Riemen nach spätestens fünf Jahren getauscht werden soll. Da ist er gerade etwa sechs Monate drüber. Beim baugleichen Motor im baugleichen Citroën Jumper soll der baugleiche Zahnriemen nach spätestens 10 Jahren getauscht werden. Sicherlich eine etwas gewagte Frist. Letztlich habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht. Hätten sie uns vorher darauf aufmerksam gemacht, hätten wir ihn eben in Salta noch tauschen lassen. Da war ohnehin das Getriebe draußen, und Pedro ein paar Tage in der Werkstatt. So bleibt diese Aufgabe jetzt eben an den neuen Besitzern hängen. Die sind aber leider nicht in der Lage, die Situation selbst einzuschätzen, und lassen sich von einem Mechaniker zum anderen treiben. Behaupten zwischendurch noch, dass es einen passenden Riemen für das Fahrzeug in ganz Südamerika nicht gäbe – Delphine findet innerhalb von 15 Minuten das passende Teil in einem argentinischen Onlineshop – und lassen sich dummerweise am Ende auf einen schlechten Mechaniker in Argentinien ein. Zur Verteidigung der argentinischen Mechaniker muss man sagen, dass es hier sehr viele sehr begabte Handwerker gibt, die oft noch Dinge reparieren können, die in Europa direkt im Müll landen. Aber die beiden wollten in ihrer Panik so schnell wie möglich einen neuen Zahnriemen, haben dem Mechaniker wohl auch beim Wechsel nicht auf die Finger geschaut und hatten dann mit dem neuen Riemen ein komisches Geräusch beim Fahren. Der Mechaniker, zu dem sie daraufhin nochmal zurück sind, hat ihnen dann wohl erklärt, dass das Geräusch von ihren neuen Reifen kommt, die sie aber schon seit 700 km fahren. Auf die Idee, zu prüfen, ob das Geräusch auch im Leerlauf da ist – wenn die Reifen sich nicht bewegen –, kamen sie scheinbar nicht. Letztlich war der Riemen wohl schlecht montiert, ist nach weiteren 700 km abgerutscht, und damit haben sie nun einen ordentlichen Motorschaden. Und damit sind sie wieder beim nächstbesten Mechaniker, der ihnen erklärt hat, dass der Schaden nicht zu reparieren sei und er könnte ihnen bestenfalls noch 3.000 Dollar für das Fahrzeug anbieten. Dazu muss man wissen, dass alleine Pedros Ausstattung in Argentinien – wo alle Importe aus dem Ausland wahnsinnig teuer sind – leicht einen Wert von ca. 12.000 Dollar hat. Rechnet man dazu noch die Teile vom Fahrzeug, kommt man ganz entspannt auf eine Summe von 15.000 bis 20.000 Dollar, wenn man sich nur die Mühe macht, alles zu zerlegen. Alleine ein Satz halbwegs guter Reifen bringt leicht über 1.000 Dollar, und Pedro hat immerhin insgesamt sechs Reifen. Nur im Ganzen verkaufen kann man ein europäisches Fahrzeug in Argentinien legal nicht. Sonst wäre es für uns viel lukrativer gewesen, ihn in Argentinien zu verkaufen.

Uns tut diese ganze Sache zunächst leid für die beiden. Die zwei sind zwar extrem naiv an die ganze Reise herangegangen; wir dachten aber, dass sie ihren Teil schon unterwegs lernen würden. Aber als sie uns dann vorwerfen, wir wären schuld an ihrer Misere, reist unsere Geduld, und wir sind auch nicht mehr bereit, sie noch weiter zu unterstützen. Davor hatte Delphine sogar extra noch einen Kontakt zu Guillermo in Salta herzustellen versucht, von dem wir wissen, dass er den Motor im Normalfall wieder zum Laufen bringen würde. Klar, das ist keine einfache Reparatur. Neuer Zylinderkopf, neue Kolben und evtl. noch ein paar Teile, aber ganz kaputt ist ein Motor nie, und die Reparatur wäre natürlich sehr zeit- und geldaufwändig, aber immer noch sinnvoll. Aber die beiden lehnen konsequent alle Ratschläge von außerhalb ab und lassen sich letztlich wohl tatsächlich von dem Mechaniker, bei dem sie nun stehen, davon überzeugen, im Pedro für ein paar tausend Dollar zu „schenken“. Nun, wir sind jetzt vor allem traurig um unseren treuen Begleiter Pedro, der unter pfleglicher und halbwegs sachkundiger Nutzung noch problemlos viele Jahre durch Südamerika gefahren wäre. Jetzt steht er in Gobernador Gregores – im argentinischen Teil von Patagonien – und soll ausgeschlachtet werden. Mit den beiden Käufern hält sich unser Mitleid aber – nach den diversen Anschuldigungen, die sie sogar in einer Facebook-Gruppe noch posten (da bekommen sie zum Glück reichlich Widerspruch von vielen anderen Reisenden und weitere Tipps, die sie ablehnen) – dann in Grenzen, und nach einer ausführlichen und sachlichen Klarstellung von unserer Seite gibt es auch keinen weiteren Kontakt mehr zu ihnen. Letztlich war es trotz allem nur der Kauf eines Gebrauchtwagens, der aus unserer Sicht in bestem Zustand war, als sie ihn übernommen haben. Wir sind also ein bisschen betrübt darüber, dass unser geliebtes Haus auf vier Rädern, mit dem wir so viele tolle Erlebnisse hatten, nun nicht mehr fährt, aber letztlich geht’s wieder raus auf die Düne, und spätestens in der Luft ist der ganze Ärger wieder vergessen, und wir genießen einfach nur unsere Zeit hier.

In unserem Hostel kommen noch ein paar andere nette Flieger an, und wir sind langsam die Gebietskenner, die die Neuen hier einweisen. Unter anderem kommt auch Jonas aus München. Der ist auf einer längeren Reise durch Südamerika und wollte hier gerne ein paar Wochen fliegen. Seine Ausrüstung hat er sich dafür extra aus Deutschland nachsenden lassen, wurde aber dummerweise nicht vor dem chilenischen Zoll gewarnt. Die machen ziemlich Stress und wollen ihm die Ausrüstung von Santiago aus nicht hierherschicken. Letztlich wird es noch einige Monate dauern, bis er sie in München endlich wieder zurückbekommt. Wir genießen also die letzten Wochen, und dann kommt auch schon bald der Tag, an dem wir hier unsere Sachen packen und uns verabschieden müssen. Verabschieden von einem der genialsten Fluggebiete der Welt. Von einer nicht besonders schönen Stadt, die wir aber trotzdem irgendwie auch zu schätzen gelernt haben. Und auch von Leo und seiner Familie. Insbesondere von seinem kleinen Sohn und dem kleinen Hund Mona.

Einer unserer Fliegerkollegen fährt uns dann mittags zum Busbahnhof, und dann heißt es nochmal 25 Stunden sitzen, bis wir schließlich wieder in Santiago sind.

Diese letzten Wochen in Südamerika waren deutlich ruhiger, als wir es eigentlich geplant hatten. Ursprünglich wollten wir bis Weihnachten oder Silvester in Iquique bleiben und dann noch nach Cordoba und zu den Iguazu-Fällen fahren. Das war aber ohne Auto dann doch deutlich umständlicher als gedacht. Und wir haben auch beide gespürt, dass wir gar nicht mehr unbedingt so viel mehr Neues sehen wollten. Wir durften die letzten zwei Jahre so viele schöne und beeindruckende Dinge sehen und erleben, wie wir es zuhause innerhalb von zwanzig Jahren nicht geschafft hätten. Aber immer nur von einem Highlight zum nächsten Fahren mag bei einem dreiwöchigen Urlaub gut funktionieren. Über einen längeren Zeitraum könnten wir das aber gar nicht verarbeiten. Und dann würde es nur noch ein Abhaken von Sehenswürdigkeiten sein, was wir nie machen wollten. Und die Zeit in Iquique hat uns auch die Möglichkeit gegeben, nochmal – jeder für sich, aber auch viel in Gesprächen zu zweit oder auch mit anderen – zu realisieren, was für ein unglaubliches Glück wir hatten, so eine Reise machen zu können. Und dann hat einfach das Fliegen an der Düne uns beiden so wahnsinnig viel Spaß gemacht, dass wir keinen Moment da oben missen wollen. Für Piloten, die gerne lange in der Luft und km sammeln wollen, ist Iquique eher ungeeignet, aber wer das ständige Starten und Landen, die engen Kurven in Bodennähe oder auch das Sliden im Sand – so nahe am Boden fliegen, dass die Füße lange Spuren durch den Sand ziehen – mag, kann hier viel Spaß haben. Und nirgendwo sonst kann man so viel und intensiv den Umgang mit dem Schirm bei starkem Wind üben. Kurz gesagt, wir haben unsere Entscheidung, so lange in Iquique zu bleiben, nicht bereut.

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