Santiago und Maitencillo

Santiago und Maitencillo

Santiago

Die Strecke nach Santiago ist etwa 800 km lang. Es gäbe noch sehr viele schöne Dinge entlang der Route und vor allem an der Pazifikküste zu sehen. Und auch auf der anderen Seite der Anden in Argentinien gäbe es viel zu entdecken. Aber leider mussten wir feststellen, dass wir auch mit mehr als einem Jahr Reisezeit nicht alles sehen können, was wir gerne sehen würden. Also fahren wir zügig die Ruta 5 nach Norden und sind nach zwei Tagen – Reisen mit Pedro ist immer eher etwas gemütlicher – in Santiago.

In Santiago bringen wir gleich die Kamera und die Objektive in eine Reparaturwerkstatt und fahren dann erstmal zum Haus von Claudia und Patricio. Die beiden wohnen in einem etwas besseren Viertel der Stadt und sind vor drei Jahren selbst mit einem Wohnmobil durch Südamerika gereist. Jetzt empfangen sie gelegentlich andere Reisende die vor ihrem Haus ein oder zwei Nächte stehen können. Wir lernen die beiden auch gleich am Abend noch kennen und erfahren nochmal viel über die Geschichte und die aktuelle Lage in Chile. Spät Abends gehen wir dann ins Bett um am nächsten Tag in die Stadt zu fahren.

Wir schlendern durch das Stadtzentrum, über den Plaza de Armas und besuchen das Museum für die Erinnerung an die Zeit der Militärdiktatur von Pinochet. In dem sehr modernen Museum ist im Untergeschoss die Lage der Menschenrechte in den Ländern der Welt auf einzelnen Tafeln beschrieben, in den oberen Geschossen ist die Zeit der Militärdiktatur von der Machtübernahme Pinochets bis zu deren Ende in allen Facetten dargestellt. Es ist erschreckend, was in dieser Zeit alles passiert ist und um so erstaunlicher, das Chile immer noch auf Basis der Verfassung von Pinochet regiert wird und dieser auch nie wirklich für seine Taten zur Rechenschaft gezogen wurde. Nach dem Museeumsbesuch ist aber erstmal Schluss für heute. Am Abend sind wir dann nochmal bei Claudia und Patricio und am nächsten Tag geht’s nochmal in die Stadt.

Am nächsten Tag besuchen wir noch einige der teils recht hübschen Stadtviertel im Zentrum, bestaunen Wandmalereien im Barrio Bellavista, besteigen den kleinen Ausichtsberg Cerro Santa Lucia, der mitten in der Stadt liegt Auf einem Handwerkermarkt am Fuße des Cerro Santa Lucia ist außerdem ein alter Mann der sehr gut auf der Okarina – der traditionellen Andenflöte – spielt und diese auch verkauft. Wir kaufen jeder eine kleines Instrument bei ihm und er gibt uns gleich noch die erste kurze Unterrichtsstunde. Mal sehen, ob da noch mehr draus wird. Später trinken wir noch eine sehr leckere heiße Schokolade im Barrio Italia.

Nach zwei Tagen in  der Stadt haben wir aber erstmal genug und wollen für ein paar Tage an die Küste zum Gleitschirmfliegen und relaxen. Wir müssen ohnehin in einer Woche nochmal in die Stadt um dann zu erfahren, ob meine Fotoausrüstung repariert werden kann, oder ob es ein Totalschaden war.

Bevor wir die Stadt verlassen fahren wir noch in ein weiter im Norden gelegenes, sehr armes Viertel. Hier treffen wir zum Mittagessen nochmal die Familie Lion aus Frankreich. Das ist die Familie, die wir vor fünf Monaten in El Chalten kennen gelernt haben. Sie sind inzwischen mit ihrem Defender nicht nur durch Patagonien, sondern auch durch Bolivien und Brasilien gereist und verbringen ihren letzten Monat in Südamerika mit freiwilliger Arbeit in einer Mission in diesem Viertel. Ziel der Arbeit ist es, den Kindern hier Perspektiven aufzuzeigen was sie tun können und sie von der Straße fern zu halten. Die ganze Familie, vom, elfjährigen Sohn bis zu den Eltern ist voll in der Arbeit eingespannt und sie erzählen auch begeistert von der Zeit hier. Wir tauschen unsere Erfahrungen der letzten Monate aus und dann müssen sie auch schon wieder weiter Arbeiten. Am Nachmittag werden verschiedenen Freizeitmöglichkeiten für die Kinder angeboten, da sind alle wieder voll eingespannt. Wir verabschieden uns und hoffen, die Familie vielleicht auch mal bei uns zuhause begrüßen zu können. Oder wir müssen mal zu ihnen in die Normandie fahren.

Über einige bergige und kurvige Straßen verlassen wir schließlich Santiago in Richtung Westen und fahren nach Maitencillo an den Pazifik

Reisepause in Maitencillo

Maitencillo ist ein kleines Kütsenstädtchen, dass wir vor allem wegen der guten Möglichkeiten zum Küstensoaren besuchen wollen. Es gibt einen Startplatz ungefähr 60 m über dem Meer und von da kann man bei passendem Wind stundenlang an der Steilküsten entlang fliegen und auch zwischendrin einfach mal wieder auf dem Startplatz landen. Wenn der Wind passt. Jetzt, im Spätherbst, ist der Wind nicht mehr ganz so zuverlässig, aber grundsätzlich kann man wohl das ganze Jahr über immer wieder mal fliegen.

Wir fahren also direkt zum Startplatz von Arturo, dem Besitzer des Platzes und der dazugehörigen Flugschule und sehen auch beim Ankommen schon einige Schirme in der Luft. Wir essen noch schnell was, müssen uns dann noch anmelden und wollen dann so schnell wie möglich in die Luft. Aber als ich dann schließlich starte ist der Wind schon weg und es geht recht schnell abwärts zum Strand. Schade. Es gibt wohl immer wieder gute Phasen im Moment, aber die muss man sofort nutzen wenn sie kommen, weil sie oft schon nach einer halben Stunde wieder vorbei sind.

Egal, wir lernen schon hier am Startplatz einige nette Piloten kennen und erfahren, dass einige von ihnen auch in Wohnmobilen oder Wohnwägen leben. Am Spätnachmittag suchen wir uns ein schönes Plätzchen am Strand und übernachten dort.

Die nächsten Tage lernen wir noch Mauricio näher kennen, neben dessen Wohnwagen wir letztlich fast eine Woche stehen. Er ist auch seit drei Jahren Gleitschirmflieger und fährt beim kleinsten Anzeichen von genug Wind zum Startplatz um zu fliegen. Leider gibt es während der Zeit die wir hier sind nur einmal halbwegs guten Wind und ich kann mal ca. 15 Minuten in der Luft bleiben. Delphine kommt vor lauter anderen Schirmen gar nicht in die Luft.

Ansonsten verbringen wir die Zeit hier gemütlich am Strand, lernen Arturo, den Flugschulbesitzer und einige andere Piloten etwas besser kennen und hoffen auf Wind, der leider nicht kommt.

An unserem letzten Abend gibt es noch ein lustiges kleines Fest. Mauricio hat Besuch von Leo, einem alten Freund und möchte am Abend Assado machen. Wir steuern Salat und Bier bei und nach einer Weile kommen noch ein paar andere Flieger vorbei und wir verbringen einen sehr lustigen Abend am Strand.

Neben dem Wohnwagen von Mauricio steht ein riesengroßer grüner PKW aus Frankreich. Darin reist ein Pärchen mit Katze durch Südamerika. Delphine hat die beiden bei der Flugschule kurz gesprochen und versucht sie aus ihrem Panzer zu locken um auch mit uns und den anderen ein Bierchen zu trinken. Leider sind sie aber nicht interessiert und so werden wir wohl nicht erfahren, was sie dazu bewegt mit so einem riesen Fahrzeug hier rum zu fahren.

Am nächsten Morgen, oder besser gesagt Mittag, verabschieden wir uns dann von Mauricio und Leo und fahren wieder nach Santiago zurück. Wir haben inzwischen leider erfahren, dass meine Kamera und mein Objektiv nicht repariert werden können. Zu viel Salz ist überall auf der Elektronik. Aber ich möchte sie trotzdem wieder holen und zumindest als Ersatzteillager behalten. Außerdem kann es auch sein, dass meine Kameraversicherung sie noch von einem Spezialisten in Deutschland begutachten lassen möchte.

Die Woche in Maitencillo hat uns zwar nicht die erhofften Küstenflüge gebracht, aber es war trotzdem eine entspannte Pause und wir haben mal wieder einige sehr nette und interessante Menschen kennengelernt.

Nochmal kurz Santiago

In Santiag sind wir dann nochmal bei Claudia und Patricio, holen die Kamera und das Objektiv ab und schauen uns noch das Geschäftsviertel der Stadt mit dem dreihundert Meter hohen Sky Costanera Turm. Hier ist überwiegend Glasarchitektur angesagt. Es gibt ein paar sehr spannende Gebäude, viele sind die üblichen Einfallslosen Glaskästen. Aber das ist natürlich auch Geschmackssache. Zum Sonnenuntergang gönnen wir uns noch eine Fahrt auf das Sky Costanera Building. Das Gebäude ist das höchste in Südamerika und von oben sieht man die ganze Stadt und die Anden. Und auch die beeindruckend dicke Smogschicht über der Stadt.

In zwei Tagen Santiago schaffen wir es außerdem zwei Kameras und ein Objektiv zu kaufen. Nachdem meine nicht mehr repariert werden konnte und Delphine ihre verloren hat finden wir dank online Kleinanzeigen recht schnell adäquaten Ersatz. Die Preise entsprechen auch etwa denen am Gebrauchtmarkt in Deutschland und wir haben wieder eine vollständige Fotoausrüstung mit der wir dann Santiago endgültig verlassen und in Richtung Osten nach Mendoza fahren. Ein paar Tage später bekomme ich dann auch noch eine gute Nachricht von meiner Kameraversicherung. Sie übernehmen den Schaden und ich kann damit den Ersatz zum Glück finanzieren ohne ein riesen Loch in mein Reisebudget zu reissen.

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